Ich und Kaminski -
Der neue Film von Wolfgang Becker nach einem Roman von Daniel Kehlmann

12 Jahre nach «Good Bye, Lenin!» kommt der neue Film von Wolfgang Becker in die Kinos: «Ich und Kaminski» nach dem Roman von Daniel Kehlmann. «Ein Film über Blindheit in vielfachem Sinn, über Ehrgeiz und Kunst, über Lüge, Wahrheit und Medien und über das ewige Duell zwischen Alter und Jugend», schreibt Autor Kehlmann, der mit der Verfilmung zufrieden ist. «Der Roman kommt so verführerisch leicht und einfach daher, ist aber ein kleines tückisches Monster, was ich viel zu spät gemerkt habe», meint der Regisseur, der gemeinsam mit Thomas Wendrich das Buch adaptiert hat. Aus einem Gespräch mit Wolfgang Becker:


Die Dramaturgie des Romans hat nichts mit der klassischen Filmdramaturgie der Dreiaktigkeit zu tun. Und wie schafft man es, dass das Publikum zwei eher unsympathischen Figuren folgt, wo es doch auf positive Helden konditioniert ist? Anders als der Roman braucht der Film eine letztlich empathische Haltung für einen Kotzbrocken und Arschloch als Hauptfigur. In der Literatur kannst du deine Hauptfigur dreister, bösartiger, skrupelloser gestalten, denn der Leser justiert den Grad des Unsympathischen je nach seinem Geschmack. Der Roman kann durchweg eine gewisse Distanz zu den Figuren wahren. Im Film ist eine permanente Distanz zu seinen Figuren nur schwer möglich, ja tödlich.


Zöllner steht prototypisch für all die Zeitgenossen, bei denen Außenwirkung und Eigenwahrnehmung auf eine unglaublich krasse Weise auseinander klaffen. Und dadurch entsteht die Komik: Zöllner schätzt grundsätzlich alle Situationen völlig falsch ein. Er denkt, alle hielten ihn für einen großartigen Typen, alle Frauen fänden ihn super, alles was er redet, sei brillant – tatsächlich liegt er mit seiner Wahrnehmung völlig falsch. Wir alle kennen diesen Typus aus unserem Alltagsleben, und ich habe das Gefühl, es werden immer mehr.


Wir verbringen drei Tage und zwei Nächte mit Zöllner, erfahren aber nichts über seinen Hintergrund. Wie ist er aufgewachsen, wie war seine Kindheit? Nichts. Alles, was herhalten könnte, um diese Figur zu erklären, fällt weg. Er ist einfach nur da. Das ist die gleiche Situation, wie wir anderen Menschen oftmals auch begegnen. Sie stehen vor uns, wir wissen nichts von ihrer Vergangenheit und müssen einfach auf sie reagieren, wie sie gerade da sind.
Keine der Figuren ist durch eine Vergangenheit gekennzeichnet oder psychologisierend erzählt. Sie tauchen auf und sind wieder weg. Und man muss sie in diesem einen Moment verstehen, da muss etwas durchblitzen, was z.B. ihre Verbitterung zeigt wie bei dem Komponisten-Paar, oder was die Schwärmerei der alten Tänzerin sichtbar macht. Nur von Kaminskis Vergangenheit erfahren wir sehr viel, wissen am Ende aber nicht, was davon Wahrheit oder Legende ist. Denn Biografen können sogar die Vergangenheit verändern, das haben sie Gott voraus. Wenn Kaminski, immerhin einer der großen Künstler des 20. Jahrhunderts, schließlich sagt: «Kunst bedeutet nichts» – dann stehen wir einigermaßen ratlos da. Was sollen wir dann noch glauben von dem objektiv erscheinenden Dokumentar-Material, das der Film zu Beginn zeigt?


Es ist nicht so, dass Zöllner durch die Erfahrungen der Reise plötzlich sein Leben grundsätzlich neu aufstellt und zu einem anderen Menschen wird. Was er erreicht, ist zunächst Ratlosigkeit und Leere. Als Zöllner an diesem Punkt ist, sagt Kaminski zu ihm: Na prima. Jetzt ist erst mal einiger Müll aus deinem Kopf heraus gefegt, der ist jetzt leer und du kannst vielleicht etwas Neues aufnehmen. Die Dinge, die dir den Blick verstellt haben, sind jetzt vielleicht nicht mehr da. Es handelt sich eben nicht um eine plakative Katharsis. Und insofern spielt diese Bodhidharma-Geschichte natürlich eine große Rolle. Auch deswegen, weil Zöllner sie in dem Moment, als Kaminski sie ihm erzählt, nicht mal begreift. Er fragt sogar: «Wenn ich nichts habe, was soll ich dann wegwerfen?» Wir haben beim Drehbuchschreiben sogar darüber nachgedacht, dem Film ein wirklich bitteres Ende zu geben. Das richtig bittere Ende wäre Zöllners erfolgreiche Biografie über Kaminski gewesen.


Um «meine» Figuren gut erzählen zu können, brauche ich eine gewisse Empathie, und wenn ich Glück habe, überträgt sich das auch auf den Zuschauer. Wenn ich jetzt noch mal von vorne anfangen könnte – Gottseidank muss ich das nicht, Gottseidank kann ich das auch nicht – würde ich die beiden Hauptfiguren in gewissen Momenten sogar noch krasser erzählen, um die Fallhöhe zu vergrößern. Allerdings haben bei diesem Stoff viele Leute rein geredet. Es ging immer um den gleichen Punkt: Man kann einen Film nicht mit einer unsympathischen Figur erzählen. Und einen Film mit gleich zwei unsympathischen Figuren schon gar nicht.


Ich war in Paris beim Fernsehsender Canal+ im Büro eines jungen Redakteurs. Die französische Finanzierung hing davon ab, ihn von dem Projekt zu überzeugen. Er wiegte sein Haupt hin und her, setzte die Bedenkenträgermiene auf und erklärte mir, dass er Schwierigkeiten mit den beiden Hauptfiguren habe, weil die so unsympathisch seien – natürlich vom Drehbuch aus gedacht, es gab ja noch keinen Film.
In seinem Büro hingen drei Filmplakate: «Raging Bull», ein Film mit einer äußerst unsympathische Hauptfigur. «Ziemlich beste Freunde» – darin haben wir gleich zwei Figuren, die zunächst nicht sonderlich sympathisch wirken. Was das Alter betrifft; gibt es da sogar eine gewisse Parallele zu «Ich und Kaminski». Und der dritte Film war ein Klassiker: «Der Clan der Sizilianer», auch alles keine Charmebolzen. Ich fragte den Fernsehredakteur, wie seine Bedenken mit den Filmplakaten zusammen passen? Kurz: Canal+ hat den Film nicht finanziert. Die französische Co-Produktion wiegte uns noch eine Zeit in dem Glauben, die Finanzierung auf andere Weise zu schließen, hat sich dann aber zu einem viel zu späten Zeitpunkt ohne jede Vorwarnung aus dem Projekt zurück gezogen, was uns fast das Genick gebrochen hat.


Bei allen Förderern waren mehr oder weniger diese Vorbehalte da. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum die Finanzierung schwierig war. Bei sympathischen Figuren, die für den Like-Button geeignet sind, wäre vieles um einiges leichter gegangen.
Ich habe dann jedes Mal gesagt, wenn es ein anderer Schauspieler wäre als Daniel Brühl, könnte ich sogar die Bedenken teilen. Ich kann mir ehrlich gesagt für diesen Film auch keinen anderen als ihn vorstellen. Er schafft es, dass man dieser Figur – sei es aus Mitleid, sei es aus einer entstehenden Empathie – seine Arschlöchigkeit nachsieht.
Ich dachte immer schon, Daniel sollte mal andere Rollen als den netten Schwiegersohn spielen. Er wird halt immer sehr einseitig besetzt, obwohl er als Schauspieler noch ein ganz anderes Potential hat. Für die meisten war Daniel eine überraschende Besetzung. Viele meinten, der sei doch viel zu nett dafür.
Daniels Zöllner ist unsympathisch und will auch gar keine Empathie erwecken, denn so etwas kommt in Zöllners System überhaupt nicht vor. Und genau so spielt Daniel ihn, genau das ist ja interessant.


Ab einem bestimmten Punkt ist Zöllner nicht mehr der Spielführer, sondern Kaminski. Am Anfang denkt man: Der arme alte Mann wird von diesem Schnösel aus rein karrieristischen Gründen missbraucht, instrumentalisiert, manipuliert. Es dauert eine gewisse Zeit, um mitzubekommen, dass eigentlich der Alte ihn manipuliert.
Daraus entsteht aber kein Kampf oder Zerwürfnis, sondern beide merken insgeheim, dass sie sich viel näher sind, als sie ursprünglich dachten. Genau dieser Dreh in der Geschichte bringt uns beide Figuren näher.


Der Schritt, den Daniel seit «Good Bye, Lenin!» an Reife und Erfahrung gemacht hat, ist ein viel größerer Schritt als der, den ich gemacht habe, was allein schon in der Natur unseres Alters liegt. Bei unserer ersten Zusammenarbeit war ich eine viel geprägtere Person als er. Und darum war «Ich und Kaminski» alles andere als ein Spaziergang für uns beide. Das war mir auch von Anfang an klar, denn dieser Film ist für ihn als Schauspieler ein emanzipatorischer Schritt. Unsere alten Spielregeln aus der Arbeit an «Good Bye, Lenin!» funktionierten hier nicht mehr. Unser Verhältnis hatte sich gewandelt. Diesmal trafen ein noch etwas älterer Regisseur und ein weitaus emanzipierterer Schauspieler aufeinander.





Bild: © X Verleih
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