«Der Fall Barschel»
Ein Interview mit Kilian Riedhof

«Der Fall Barschel ist der brisanteste und größte Politskandal, den die Bundesrepublik bis heute hatte», sagt Kilian Riedhof zu seinem Event-Zweiteiler, zweifellos ein Highlight in der Reihe «Neues Deutsches Fernsehen» beim Münchner Filmfest. Das Drehbuch zu dem virtuosen, atemlosen Polit-Thriller schrieb Riedhof zusammen mit Marco Wiersch; produziert wurde der Film von Ariane Krampe (Zeitsprung Pictures) für ARD Degeto.
«‹Der Fall Barschel› erschüttert und fesselt den Zuschauer wie ein Roman von Stephen King», meint Stefan Grund in der «Welt». «Verhandelt und durchgespielt wird neben der Frage, ob Uwe Barschel Selbstmord begangen hat oder ermordet wurde, welche Verschwörungstheorie stimmen könnte. Der Film erschüttert dabei auch das Vertrauen in die westlichen Demokratien als Rechtsstaaten.»
Hier Auszüge aus dem Gespräch, das Stefan Grund mit dem Regisseur Kilian Riedhof führte:

Sind Regierungen durch Waffenlobbyisten und Geheimdienste direkt beeinflussbar?

Unabhängig vom Fall Barschel ist das Netzwerk aus Politik und Waffenhandel seit Mitte der Achtzigerjahre weitestgehend plausibel offen¬gelegt worden. Die Spürpanzerverkäufe an Saudi-Arabien oder die zweifelhafte Haltung des Bundessicherheitsrates zu den U-Boot-Verkäufen an Südafrika sind gut dokumentiert. Im Film steht die U-Boot-Affäre exemplarisch dafür, wie an der Öffentlichkeit vorbei Deals betrieben werden, die mit Demokratie nicht viel zu tun haben, wohl aber mit den Interessen kleiner Eliten.

Im dreistündigen Film sind die staatstragenden Parteien CDU und SPD nebst ihren Protagonisten nach einer Stunde abgehandelt. Dann ist Reiner Pfeiffer enttarnt, Uwe Barschel tot, Björn Engholm zurückgetreten. Danach wird es – bei Reisen in die DDR, in Genf, in Beirut – noch spannender. Inwiefern liegt es an der Persönlichkeit Barscheis, dass Sie die Spannung weiter steigern können?

Barschel ist natürlich hochgradig ambivalent. Da zeigt sich, wie ein Einzelner nach rascher Karriere – er war ja unheimlich früh Ministerpräsident und in den politischen Ämtern zu Hause – den Bezug dazu verloren hat, für wen er Macht ausübt. Dasselbe kann man in anderer Form auch für Engholm sagen. Hier gab es zwei Spitzenpolitiker, die beide um des Machterhalts Willen das Augenmaß verloren haben.

Um die grundsätzlich düstere Sicht des Films teilen zu können, muss aber auch die Staatsanwaltschaft unter politischem Einfluss stehen. Haben wir keine unabhängige Justiz?

Die Justiz ist unabhängig, was die Gerichte angeht. Aber die Staatsanwaltschaft untersteht dem Justizministerium, und Justizminister gehören einer bestimmten Partei an. Ich will den Staatsanwälten im Fall Barschel nicht unterstellen, dass sie politisch gefärbt gehandelt haben. Aber es ist klar, dass sich die deutschen Ermittlungsbehörden viel zu spät in den Fall eingeschaltet haben, was von den Schweizern später auch bemängelt wurde. Das ist schon erstaunlich: Warum interessiert das niemanden, wenn ein deutscher Spitzenpolitiker dort tot in einer Badewanne aufgefunden wird? Ein Politiker, der Geheimwissen besaß und womöglich in den internationalen Waffenhandel verstrickt war. Und wir dürfen die Frage stellen: War das deutsche Desinteresse politisch motiviert?

Dass der Reporter David Burger auf Speed ist, also drogensüchtig, spielt ja eine wichtige Rolle, weil er dadurch einerseits unbeirrbar wird und Grenzen überschreitet, zum Beispiel die des Libanon allein, was ja nicht die übliche Rechercheweise wäre.

Ich sag' mal so: Meines Wissens waren Alkohol- und Drogenabusus unter Journalisten seinerzeit durchaus nicht unüblich, das waren ja noch die wilden Jahre des Journalismus. David beginnt im Verlauf der Geschichte ein Doppelleben, und seine Tablettenabhängigkeit ist Teil davon. Ein Doppelleben, wie es Uwe Barschel vermutlich auch führte. Barschel spiegelt sich in David. Das gilt auch für die anderen Figuren unseres Films wie Barscheis Medienreferenten Pfeiffer oder Davids mysteriöse Geliebte Giselle. Sie alle schillern und spielen doppelt. Ich glaube tatsächlich, dass der Fall Barschel jeden kontaminiert, der sich länger mit ihm beschäftigt.

Wie schwierig war es, die Achtzigerjahre lebensecht auch den jungen Schauspielern zu vermitteln, vor dem PC, vor dem Internet, vor dem Mauerfall, mit Journalisten auf Kaffee, Zigaretten, Drogen...

Wir hatten eine umfangreiche Materialsammlung zu den Themen Politik und Journalismus der Achtziger, dem Zeitgeist und natürlich zum Fall Barschel selbst. Die Schauspieler haben sich mit Journalisten unterhalten, die damals schon aktiv waren. Aber auch das Szenenbild ist hier ganz wichtig. Je poröser es ist, je mehr es in die Tiefe geht, desto mehr hilft das auch den Schauspielern. Wenn ich als Darsteller in der Redaktion Fotos, detailliert beschriftete Kalender und Unterlagen entdecke, die da nicht sein müssten, weil sie von der Handlung nicht verlangt sind, die aber einen Kosmos schaffen, dann glaube ich dieser fiktiven Welt und tauche in sie ein. Insgesamt ging es uns darum, die Achtziger in Kostüm und Frisuren nicht eins zu eins abzubilden. Man soll die Zeit riechen, sie aber nicht auf die Nase gedrückt bekommen. Sonst besteht die Gefahr, dass man beim Zuschauen ständig denkt: «Mensch, hatten die Schulterpolster.»

Nach dem Film hält vermutlich jeder seine These zu Mord oder Selbstmord für bestätigt.

Uns war wichtig, dass der Film sein Geheimnis behält. Kämen wir am Ende zu einer platten Lösung, würde jeder den Film abhaken und sagen: So war's nicht! Der Film muss den Mythos bewahren.

Ist Mythos nicht ein großes Wort?

Nein, das finde ich nicht. Dieser Fall lässt uns bis heute nicht los. Er verfolgt uns regelrecht. Warum? Was macht diesen Fall so unheimlich? Das Bild des toten Uwe Barschel in der Badewanne macht betroffen. Und es macht Angst. Mir scheint das Bild in seiner depressiven Kraft fast synonym für das Jahrzehnt, in dem es entstanden ist. Die Achtzigerjahre waren geprägt durch Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung. Doch tief darunter, im psychischen Wurzelgrund der Gesellschaft, gab es Absonderungen von Einsamkeit und Verzweiflung.



«Der Fall Barschel». Uraufführung: Filmfest München, 27. Juni 2015. Regie: Kilian Riedhof. Buch: Kilian Riedhof, Marco Wiersch. Kamera: Benedict Neunfels. Mit Alexander Fehling, Fabian Hinrichs, Matthias Matschke, Antje Traue, Martin Brambach u.a.


© Bild: ARD Degeto/Stephan Rabold: Matthias Matschke als Uwe Barschel

© Text: Auszüge aus einem Interview mit Stefan Grund;

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