R.D. Brinkmann - Ich erzähle dir einen Film

«Ich erzähle dir einen Film»
Rolf Dieter Brinkmann

«Was tun Sie am liebsten?» fragte der Herausgeber die Beiträger seiner Anthologie Supergarde. Rolf Dieter Brinkmann setzte, noch vor «Schreiben», auf Platz eins seiner Hitliste: «Ins Kino gehen». Was er dort sah, waren amerikanische Filme, meist B-Movies. Gangsterfilme wie Budd Boettichers The Rise and Fall of Legs Diamond, Don Siegels The Killers oder Allen Barons Blast of Silence, Russ Meyers pornografischer Western Faster, Pussycat! Kill! Kill! (deutscher Verleihtitel: Die Satansweiber von Tittfield), aber auch Zeichentrickfilme von Walt Disney.

Sein Bruder Karl-Heinz war Vorführer beim Ufa Palast in Köln, das bedeutete: Freier Eintritt. Der junge Autor war fasziniert von dem Medium Film, «wo in 1 ½ Std. die wüstesten Ereignisse passieren durch bewegtes Licht und Schatten» und seinen Gedichtband Piloten widmete er «all denen, die sich immer wieder von neuem gern auf den billigen Plätzen vor der Leinwand zurücksinken lassen».

Daneben gab es die Bewegung «Das andere Kino», in Köln unter dem Label XSCREEN. 800 Leute kamen ins Theater am Rudolfplatz, als im Dezember 1968 Andy Warhols Chelsea Girls gezeigt wurde. Ein Ereignis, über das Brinkmann im «Kölner Stadt-Anzeiger» schrieb: «Man muß begreifen lernen, daß ‹Leben› Film ist und nichts Natürliches – wir alle leben in der Oberfläche von ‹Bildern, die sich bewegen›. Dasein heißt Kino. 24 Stunden lang jeden Tag.» Das war etwas anders als die Gangsterfilme, die er in den Spätvorstellungen sah. Brinkmann: «Beim ‹Leben› mit diesem Film (während er abläuft) löst sich unmerklich das vorgegebene Empfinden von der angenommenen eigenen Realität auf – die Unterscheidung, was imaginär ist, das auf der Leinwand Projizierte oder man selbst, verwischt sich ... in einer permanenten Fluktuation scheint mal das außen Gezeigte auf der Leinwand, mal man selbst imaginär ... das hat bisher noch kein Supermonsterstreifen geschafft.»

«Underground in Köln» kündigte der «Kölner Stadt-Anzeiger» am 11. Oktober 1968 an. «Progressive Künstler und ihr Anhang» wollten «mit Beat, Bier, Film und Literatur» ein Nonstop-Festival nach amerikanischem Muster veranstalten – und gingen dazu in den Untergrund: Der noch im Rohbau befindliche U-Bahnhof am Neumarkt bot die richtige Kulisse.

Aus dem Programm hatte das Lokalblatt als Höhepunkte herausgepickt «eine faszinierende Rauschgiftvision» (Inauguration of the Pleasure Dome von Kenneth Anger) sowie einen «reichlich respektlosen Report über einen homosexuellen Neger» (Portrait of Jason). Geplant war kein reines Leinwandspektakel, sondern eine Multimedia-Show. «Dem Bild wird ständig das Wort zugemischt: Renate Rasp, Deutschlands Erotik-Lyrikerin Nr. 1, Rolf Dieter Brinkmann, Kölns Pop-Poet, und Fred Viebahn werden Texte lesen.» Unkonventionell sollte es zugehen, «Underground Explosion» hieß das Motto.

22.20 Uhr. Die Beat-Band «The Noahs Arc» spielte, die Lesung sollte in zehn Minuten beginnen. Plötzlich postierten sich überall im Raum Polizeibeamte, die Ausgänge wurden abgeriegelt. Ausweiskontrolle – keiner verlässt den Saal, ohne dass seine Personalien festgestellt werden. Polizisten dringen vor in den «Projektionsraum», einem durch Tische abgetrennten Rechteck mit dem Vorführapparat, beschlagnahmen alle Filmrollen, derer sie habhaft werden können, und ziehen damit ab. Es kommt zu Rangeleien. «Auch der Kölner Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann wurde von der Polizei festgenommen», stand anderntags in der Zeitung, «gegen 0.30 Uhr durfte er mit seiner Begleitung das Präsidium verlassen».
In Köln fallen Aufbruch und Revolte zusammen mit dem von der Ordnungsmacht gesprengten Filmfestival.

Als die geplante Fortsetzung am nächsten Tag ausfällt – der U-Bahn-Schacht wurde geschlossen, aus «baupolizeilichen Gründen», versteht sich –, kommt es zu einer kurzzeitigen Verbrüderung von Film-Avantgarde und Studentenbewegung: Die XSCREEN-Leute und die Aktivisten des SDS verständigen sich auf einen gemeinsamen Protestmarsch. Die Demonstranten formieren sich vor dem Polizeipräsidium, Brinkmann vorneweg – er gehört zu der Delegation, die erfolglos mit dem Polizeichef verhandelt.

«Bestseller-Autor Brinkmann dreht Underground-Film» posaunte am 29. Juli 1968 das Kölner Boulevard-Blatt: «EXPRESS entdeckte ihn bei seinen Einmanndreharbeiten auf der Hohen Straße. Keiner der Passanten erkannte den Autor.» Speziell die «Rückansichten und verführerisch betonten Oberweiten junger Spaziergängerinnen», die «langen Beine einiger blonden Schwedinnen» und den «Hippie-Look gelockter Boys aus Großbritannien» habe Brinkmann auf Film gebannt – nein, Substanzielles ist dem Artikel nicht zu entnehmen.
Nur zum Schluss wird es interessant. «Zwischendurch vollführte er mit seiner Gummilinsenkamera wilde Schwenks und Tänze. ‹Ich filme anders als der berühmte amerikanische Undergroundfilmer Andy Warhol›, erklärte der junge Erfolgsautor EXPRESS. ‹Meine Aufnahmen sind durchscheinender, lebendiger.›» Fünf 8 mm-Filme, mit einer Länge zwischen einer halben und eineinhalb Stunde, drehte er; Ausschnitte daraus hat Harald Bergmanns für seinen Film Brinkmanns Zorn verarbeitet.

«Ein Film, 24 Bilder pro Sekunde, flickert ab», doch irgendwann geriet die Flickermaschine ins Stockern (das gleichnamige Drehbuch wurde nie realisiert), und Brinkmann machte einen harten Schnitt: «Ab 1970 kein Interesse mehr an Kino und Filmen», schrieb er lakonisch in seine Vita.

Seine Film-Pläne gab er auf, doch bei der Entwicklung neuer literarischer Formen orientierte er sich an den im Kino gemachten Erfahrungen. «Ich lehne mich im Dunkeln des Kinosaals zurück, ich kneife ein Auge zu, schneide mich aus dem Inhalt damit heraus», heißt es in den Notizen und Beobachtungen vor dem Schreiben eines zweiten Romans.

Er wollte «Gedankenfilme, Bewusstseinsfilme» erfassen, «während Sprache ja sehr langsam ist», weshalb er nach neuen Ausdrucksmitteln suchte. «Zooms auf winzige, banale Gegenstände», «Überbelichtungen, Doppelbelichtungen», «unvorhersagbare Schwenks (Gedanken-schwenks), Schnitte: ein image-track», mit diesen aus der Filmsprache entlehnten Begriffen skizzierte er seine literarische Technik, mit der er das in Sprachmustern erstarrte Bewusstsein aufzusprengen versuchte durch eine neue, unmittelbar sinnliche Ausdrucksweise. Was Rolf Dieter Brinkmann interessierte, war Der Film in Worten: die Wahrnehmungsstrukturen des Kinos überführen in die Literatur.

Autorenbild: © Christa Donner / Grafiken: Ausschnitte aus dem von Rolf Dieter Brinkmann gestalteten Cover «Die Piloten» / Typographie des Beitrags: Matrix Buchkonzepte, Christina Modi/Maren Orlowski, Hamburg
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