«Radio ist Kino im Kopf»
von Elisabeth Herrmann

Ulrich Schamoni hat in meiner Erinnerung diesen wahren Satz kreiert. Zumindest habe ich ihn damals, vor einem Vierteljahrhundert, zum ersten Mal aus seinem Mund gehört. In der Mauerstadt Berlin, zum Start von Radio Hundert,6. Es war der Beginn des dualen Rundfunkzeitaltes. Zumindest nannte man es damals noch so. Was für mich zehn aufregende Jahre vor und hinter dem Mikrofon wurden, war für andere der Untergang des Abendlandes. Nie wieder ist es einem Rundfunksender gelungen, so viele Menschen zu erreichen. Unsere Hörer waren in West- und Ost-Berlin.

Wie oft ich im «Nachtstart» den Gefangenenchor von Nabucco gespielt habe, ich weiß es nicht mehr. Wie viele Briefe und Grüße von hüben nach drüben gingen, alles längst vergessen und vorbei. Mit dem Fall der Mauer verlor Hundert,6 an Bedeutung. Andere Sender kamen. Der Kuchen, hieß es so schön, ist der gleiche, nur die Stücke werden kleiner.
Ich wechselte zum Fernsehen, weil im Privatradio kein Platz mehr für das Wort war. Ich hatte vielleicht die letzten wirklich bedeutenden Jahre des Rundfunks miterlebt. Nun ertrank er in seiner eigenen, seichten Pfütze. Die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich lange zu fein gewesen waren, mit den Straßenkatzen um die Fischgräten zu streiten, stiegen von ihren Dachrinnen herab und erstritten sich mit messerscharfen Krallen und ordentlich Gebühren-Speck auf den Rippen ihren Platz auf dem Tanzparkett ums Goldene Quoten-Kalb. Bis heute ist mir die lange Strecke Berlin-Frankfurt ein Graus. Hat der RBB mit Radio Eins und Fritz noch zwei Wellen, die zu hören sich wirklich lohnen, so beginnt hinter Brandenburg die Radio-Wüste. Dieselben einfallslosen Chart-Hits, dieselben grauenhaften Jingles, Teaser, Bumper, Heavy Rotations … fünf Stunden sinnleere Ödnis mit Moderatoren, die klingen, als müssten sie auf dem Streckbett um ihr Leben lachen. Man sucht, fast schon verzweifelt, nach etwas, das die Sinne beschäftigt und nicht zukleistert.
Und dann bleibt man auf der Scala im Nirgendwo hängen. Spät ist es geworden. Der Abend und die Nacht gehören nicht mehr der Reichweite, sondern den Hörern. Ein Satz. Ein Geräusch. Eine Stimme. Ein Gespräch. Eine Geschichte. Ein Hörspiel.

Meine ersten Hörspiele waren Schallplatten. Der letzte Mohikaner. Der gestiefelte Kater. Operetten, die man im Ganzen hörte und nicht als Best-Of-Verschnitt. Später The War of the Worlds mit der unvergessenen, rauchigen Stimme Richard Burtons. Tschechows Uncle Vanya mit Laurence Olivier. Ich liebte den Moment, wenn die Nadel sich kratzend in die Rille senkte und das Knistern in den Lautsprechern begann. Ich liebte es, zuzuhören.
Ich kenne viele Leute, die mittlerweile vom Buch zum Hörbuch umgeschwenkt sind. Auch ich hatte Phasen, in denen ich morgens wie eine Verrückte zum Auto hastete, nur um auf Kulturradio die Fortsetzung von Joseph Roths Radetzky-Marsch zu hören. Als ich neulich beim Hörverlag war, der meine Bücher mit den wunderbaren Stimmen von Eva Mattes, Laura Maire und Max Hopp veröffentlicht, bekam ich, eben für diese langen Autofahrten, ein paar letzte Schätze aus dem Keller des Archivs: Audio Cassetten. Sie stellen fest – mein Auto ist nicht mehr das jüngste, und Cassetten zu bekommen ist nicht einfach. So haben mich Tolkiens Herr der Ringe und Der kleine Hobbit bis nach Südfrankreich begleitet.

Was braucht man für ein Hörspiel? Keine Millionen, keine Kulissen, keine Kameraleute, keine Filmsets. Eigentlich nur Papier und Phantasie. Und es entstehen Welten. Als der NDR auf mich zukam und mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, einen Radio Tatort zu schreiben, war ich überglücklich. Zuvor schon hatte Deutschlandradio Bücher von mir adaptiert. Ich wusste, dass es ein ganz anderes Medium ist als das gedruckte Buch oder der gedrehte Film. Es gehorcht anderen Gesetzen. Es muss mit einigen wenigen Geräuschen eine Welt erschaffen. Die Dialoge sind der Motor der Geschichte. Über sie wird in wenigen Sätzen transportiert, wofür im Kino gewaltige Bildteppiche ausgebreitet werden und in Büchern seitenlange Gedankenspiele und Beschreibungen. Es ist nicht einfach, dieses Medium. Es braucht Zeit und Hingabe. Nicht nur von mir, sondern von allen, die daran beteiligt sind. Redaktion, Regisseur, Toningenieur, Schauspieler, Cutter … der Aufwand, den eine Produktion verlangt, hat meine Vorstellungen bei weitem überstiegen. Dann endlich kommt der Tag der Abnahme. Alle Beteiligten versammeln sich. Man geht ins Tonstudio, Stühle werden hineingeschoben, es wird eng. Wenn alle da sind, kehrt Ruhe ein. Und dann hören wir zu.

Das Zuhören ist selten geworden. Manchmal sieht man es noch in Filmen. Menschen liegen entspannt auf einer Le Corbusier-Liege und lauschen vertrackten Goldberg-Variationen. Oder hören, wie in Philadelphia, in einem einsamen Krankenhaus Maria Callas. Wenn Menschen gezeigt werden, die hören, dann nicht die Charts, nicht das atemlose Super-Gewinnspiel. Dann wollen sie etwas über ihre Ohren in die Seele lassen. Versuchen sie mal, entspannt auf ihrer Yoga-Matte zu liegen und der Morning-Show eines Frühstücksradios zuzuhören. Okay, dazu hat man morgens selten Zeit. Aber achten Sie für ein paar Minuten darauf, was gesagt wird und wie es gesagt wird. Vielleicht schwenken Sie dann auch um auf Jordi Savall oder Al di Meola. Oder lassen das Radio einfach mal aus.

Wenn wir zuhören, ist das wie Trinken. Ein Radio Tatort wie ein leichter Aperitif, ein Onkel Vanya wie schwerer, dunkler Rotwein. Die zwanzig Stunden Ulysses ist wie die Flasche verdammt guter Whisky, die man jeden Abend aus dem Schrank holt und sie genüsslich über Wochen hinweg leert.
Vielleicht liebe ich das Zuhören auch nur deshalb so sehr, weil ich Worte liebe. In Game of Thrones gibt es eine Szene, in der Goldy, des Lesens und Schreibens nicht mächtig, fassunglos mitbekomt, wie Sam vom bevorstehenden Angriff der Wildlinge erfährt – durch einen Brief. Und das weißt du nur, weil du auf ein paar Zeichen siehst?, fragt sie staunend und ehrfürchtig. Dann bist du ein Zauberer … Worte sind Zauber. Radio ist Kino im Kopf. Und ein Hörspiel die Tür zu einer Geschichte, die sich nur durch zuhören öffnet.


Text © Elisabeth Herrmann
Bild © Isabelle Grubert

Grafik aller Beiträge: Matrix Typographie & Gestaltung,
Christina Modi / Maren Orlowski, Hamburg

«Radio ist Kino im Kopf» <br>von Elisabeth Herrmann

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