Nach einer Vorlage von Martin Walser: «Tassilo – Ein Fall für sich»

Eine Entdeckung: Bruno Ganz und Axel Milberg – es waren ihre ersten Fernsehrollen – spielten gemeinsam vor gut 25 Jahren in einer längst vergessenen Krimiserie, die auf Martin Walser zurückgeht. Richard Weize, der für sein legendäres Label «Bear Family» so manche Rarität, unveröffentlichte oder verschollene Aufnahmen von Größen von Johnny Cash, herausbrachte, ist diesmal im ZDF-Archiv fündig geworden: Er bringt Anfang 2017 alle sechs Folgen von «Tassilo – Ein Fall für sich» auf DVD heraus. Zur Entstehungsgeschichte hier ein Auszug aus dem Booklet:

Einer (oder eine?) hat das Textbuch nicht zurückgegeben. Dabei ist ausdrücklich auf Seite 2 vermerkt, dass das Manuskript Eigentum der West-Film GmbH & Co. KG ist. «Eine Weitergabe an Dritte ist nur mit Genehmigung der Produktion gestattet. Das Drehbuch ist nach Produktionsende an die Produktion zurückzugeben.» Trotzdem tauchte das Manuskript, datiert 10.10.1988, bei einem Online-Antiquariat auf. «Die Abenteuer des Tassilo S. Grübel», offenbar der Arbeitstitel der Serie, von Martin Walser, steht auf dem Deckblatt, und dann wird präzisiert: Drehbuch: Hermann Naber. Bearbeitung: Martin Walser und Hajo Gies. Drehfassung: Hartmut Grund. Da deutet sich bereits an: Ganz aus einem Guss war die Sache nicht.

Walser erfand den eigenwilligen und unorthodoxen Detektiv Tassilo S. Grübel 1974 für das Hörspiel «Die Verteidigung von Friedrichshafen». Da gibt es eine Marktlücke – «eine Menge schwerreicher Leute rund um diesen See und noch kein richtiges Detektivbüro» –, die er zu nutzen gedenkt. Doch die Bodensee-Anrainer müssen erst merken, dass sie ihn brauchen. «Tassilo hat erkannt, dass in allen Branchen Bedürfnisweckung eine immer größere Rolle spielt», beschreibt Walser die Grundidee. «Wie wichtig ein Detektiv ist, begreifen die Leute erst, wenn man ein bisschen Gefahr produziert.» Und so inszeniert Tassilo mit Hilfe seines Freunds Hugo – jeder Sherlock Holmes braucht einen Dr. Watson – eine Bedrohung. Die Erpresserbande tritt ganz geschäftsmäßig auf: «Cyclops Gotham, Inc. » steht auf dem Briefkopf – gebildete Gangster: die Zyklopen der griechischen Antike werden verbunden mit dem amerikanischen Trivialmythos Batman, Wirkungsstätte: Gotham City –, und verwiesen wird auf internationale Referenzen. Schon die Namen – das Unternehmer-Ekel James Blickle, Georg Feuerstein, das «Nachwuchsunternehmerchen», Mia von Mufflings und Baron Oschatz-Tötensen – verraten, dass der Autor die Bodensee-Gesellschaft ironisch aufs Korn nahm.

An eine Reihe oder gar eine Serie hatte Walser nicht gedacht, aber das Figurenensemble und das Bodensee-Setting machten dem Autor offenkundig so viel Spaß, dass er im nächsten Jahr wieder ein Hörspiel schrieb: «Lindauer Pietà». 1978 folgte «Säntis». Regie führte ein Filmemacher: Alf Brustellin. Er konnte lauter Prominenz engagieren: Joseph Bierbichler als Tassilo, Maria Singer als dessen Mutter, in Nebenrollen Franziska Walser und Edgar Selge, dazu Ilse Pagé und Karl Lieffen. Nach knapp zehnjähriger Pause kamen in rascher Folge «Das Gespenst von Gattnau» (1987), «Hilfe kommt aus Bregenz» (1988) und «Zorn einer Göttin» (1989). In den beiden letztgenannten Hörspielen wurde Hugo gesprochen von Charles Brauer, der in der Fernsehserie James Blickle verkörperte.

Noch bevor das letzte der sechs «Tassilo»-Hörspiele gesendet wurde, lagen die ersten Drehbücher zur TV-Adaption vor. Walser überließ diese Arbeit Hermann Naber, einem renommierten Hörspieldramaturg und -regisseur. «Ich finde es fast unappetitlich, sich selber zu bearbeiten», erklärte Walser. «Diese Vorstellung ist lähmend, die erweckt so gar keinen Arbeitstrieb. Man will ja immer das erhalten, was man schon gemacht hat. » Von ihm waren schon mehrere Romane verfilmt worden, auch hatte er verschiedentlich an Drehbüchern mitgearbeitet; «die Ergebnisse dieser Umsetzung von mehreren Hörspielen in mehrere Fernsehfilme» fand er «insgesamt, verglichen mit früheren Erfahrungen, erträglich bis befriedigend bis angenehm». Wie die TV-Leute mit anderer Leuten Texten umgehen, darüber habe ein Autor sich nicht zu beklagen. «Wenn er einem anderen Darstellungsmedium seine Stoffe überlässt, dann verkauft er die Rechte, dann hat er die Rechte nicht mehr. Das ist nicht nur eine finanzielle Aktion, das ist auch eine ästhetische Aktion. Dafür, dass er Geld kriegt, begibt er sich des Rechts der Bestimmung. Natürlich führt man ihm das Produkt noch vor, natürlich habe ich auch gesagt, ich möchte die Drehbücher lesen, ich möchte vor allem die Dialoge überarbeiten. An den Dialogen habe ich bis zum Schluss mitgearbeitet.» Für alles andere übernahm er keine Verantwortung.

Am vierten Advent 1990 lud das ZDF ins Münchner Hilton-Hotel ein: Pressevorführung in Anwesenheit von Martin Walser und Bruno Ganz. Allgemeines Wohlgefallen breitete sich, einem Bericht der «Süddeutschen Zeitung» zufolge, im Salon Dürer aus, bis es plötzlich zu einem Eklat kam. Der Autor störte sich daran, dass es im Vorspann nicht hieß «Nach einem Hörspiel von Martin Walser», sondern «Nach einer Vorlage von …». Auch Literaturgattungen haben ein Renommee: «Nach einem Roman» wäre gut gewesen, «Nach einem Theaterstück» wäre auch noch gegangen, aber ein Film «Nach einem Hörspiel» – die Fernsehmacher glaubten damit, sich bei den Zuschauern lächerlich zu machen. «Etikettenschwindel» schimpfte Walser. Als dann der Vertreter des ZDF noch erklärte, dass man die Krimiserie nicht zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr, sondern eine Stunde später ausstrahlen würde, und dass die Dialoglastigkeit der Serie sich erkläre aus der literarischen Herkunft, protestierte Walser heftig und verteidigte «die liebe Schwester Hörspiel» gegen den übergriffigen Bruder Fernsehen.

Das Presseecho auf die Serie «Tassilo – Ein Fall für sich» war gemischt. Walser, das war ein Fall fürs Feuilleton, und entsprechend humorlos nahmen sich die Rezensenten der Sache an. Der Schriftsteller habe für seine Krimis das Thema seiner Romane trivialisiert, stand für Jochen Hieber schon nach der ersten Folge fest. Er ließ in der «Frankfurter Allgemeinen» kein gutes Haar an der «leichten Ware» und fällte das Verdikt: «Statt einer frechen Farce, statt einer Posse aus der kriminalistischen Provinz erlebt man nur eine Klamotte voller Klischees und Dialoge von gequältem Witz, kurzum: Biedermeierliches vom Bodensee.» Der anonyme «Spiegel»-Kritiker dagegen amüsierte sich und lobte die Leistungen der Darsteller. Gefordert seien Schauspieler mit Begabung fürs Doppelbödige: «Am besten gelingt das, wenn Bruno Ganz einen ebenbürtigen schauspielerischen Widerpart hat. Der heißt in Folge vier Marianne Hoppe – eine herrische Grande Dame (bei Walser sind nur Frauen ganze Kerle), die mit ihrer verlotterten Verwandtschaft aufräumt. Da gehen Schelmen-Detektiv und Tigerin mit sardonischem Grinsen aufeinander los, da bekommen Walsers Kopfgeburten wölfischen Biss, da funkelt der Dialogwitz.»

Das allein lohnt, die vergessene TV-Serie aus dem Archivkeller hervorzuholen und nach 25 Jahren neu zu entdecken. Im umfangreichen, gewichtigen Werk Martin Walsers spielt der «Tassilo»-Komplex gewiss nur eine marginale Rolle, aber unbekannte Nebenwerke können aufschlussreicher sein als die berühmten Hauptwerke. Der Bodensee-Dichter ist hier ganz in seinem Element und zudem seiner Zeit weit voraus: Noch waren die heiteren Regionalkrimis, die heute das Vorabendprogramm beherrschen, nicht erfunden. Vor allem aber macht es Vergnügen, großen Schauspielern jenseits ihres üblichen Rollenrepertoires zuzuschauen. Bruno Ganz war damals eine Ikone des schwerblütigen Autorenfilms, man sah ihn in Filmen von Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Peter Stein, von Eric Rohmer und Werner Herzog. Hier ist er ein Filou, mit Kaschmirschal und Schirmmütze. Diese Darstellung überzeugte dann auch den sonst eher skeptischen Martin Walser: «Das finde ich großartig, dass er sich diese Figur so zu eigen gemacht hat, dass er mit ihr umgeht wie in einem Element, in dem er völlig zu Hause ist. Ich finde, Tassilo bringt ihn auch als Schauspieler weiter in seiner Kapazität und in seinen Variationsmöglich¬keiten. So komisch war er noch nie: Also Bruno Ganz als gar nicht metaphysisch gesonnener Kulturausdrücker, sondern in Richtung Hans Moser als ein Charakterkomiker – das muss ihm auch Spaß gemacht haben, sonst wäre das Ergebnis nicht so. Aber das vielleicht Wichtigste für mich: Bruno Ganz und Axel Milberg, so ein Paar hat es, soweit ich sehe, in diesem Medium noch nicht gegeben. Wie die miteinander reden, das habe ich im Fernsehen so noch nicht gesehen; das finde ich wirklich großartig.»

Michael Töteberg
Fotos: ZDF Enterprises
Nach einer Vorlage von Martin Walser: «Tassilo – Ein Fall für sich»