Lothar Kurzawa - Die Kunst der Adaption

Die Kunst der Adaption

Zum drittenmal: Drehbuch Lothar Kurzawa, nach Siegfried Lenz

Eschede, Bienenbüttel, Jesteburg, Winsen an der Luhe, Vierhöfen – schon die Drehorte verraten, dass hier ein Film abseits des TV-Mainstreams entsteht. Der Roman «Die Auflehnung» gehört zu den eher unbekannteren Werken von Siegfried Lenz, einem stillen Bestsellerautor, dessen Platz in der deutschen Literatur auch ohne Aufsehen erregende Interviews oder Talkshow-Auftritte unbestritten ist. In seinen Geschichten werden moralische Fragen verhandelt, was manchem altmodisch erscheinen mag. Doch erstaunlicherweise sind sie, obwohl vor Jahrzehnten veröffentlicht, zeitnah und aktuell.

«1. Elbauen. Ext/Morgengrauen. Tropfende Nebelschwaben liegen schwer über den flachen Wiesen an der Niederelbe. In einer alten Weide nistet eine Kolonie von Kormoranen, starr sitzen sie auf den kahlen Ästen und scheinen jede, auch die kleinste Regung, zu belauern. Nach einer Weile schwingt sich einer der Vögel empor und erhebt sich dann, stetig steigend, in den frühmorgendlichen Himmel.» So steht es auf der ersten Drehbuchseite. Ein Bild unberührter Natur, ein Paradies, nicht nur für heimische Vogelwelt. Doch der Kormoran, der sich bildschön in die Lüfte schwingt, stellt eine Bedrohung dar für die Teichwirtschaft von Frank Wittmann. Kormorane sind Fischräuber; wenn sie in die Anlage einfallen, ist dies für ihn eine Katastrophe. Schon so kann er nur unter Mühen die ererbte Teichwirtschaft durch die wirtschaftlich schwierigen Zeiten bringen, deshalb greift er zum Gewehr. Die Vögel stehen unter Naturschutz, Wittmann hat nicht einmal einen Waffenschein, aber «verboten ist ne Menge», für ihn ist das schlicht Notwehr. Doch Henning Holmsen, der Dorfpolizist, mit dem er gemeinsam die Schulbank gedrückt hat, schöpft Verdacht.
Wittmann steht unter Druck. Letztes Jahr hatte sich ein Virus in drei Fischteichen ausgebreitet, außerdem hat er sich mit dem Ausbau der Ferienwohnung verschuldet, und die Bank spielt nicht mehr mit. Die Ferienwohnung ist noch nicht ganz fertig, aber es gibt schon einen Gast: Franks Bruder Willy hat sich überraschend bei ihm einquartiert.

Schon äußerlich ist er das reine Gegenteil: Während Frank in Kordhose, Gummistiefeln und karierter Jacke herumstapft, ist Willy ein distinguierter Herr mit sorgsam gescheitelten Haaren. Er befindet sich ebenfalls in einer Krise, die ihm seine Existenz kosten kann: Der Teeverkoster, bisher bei der renommierten, in der Hamburger Speicherstadt residierenden Firma Maack & Pottjohann angestellt, hat seinen Geschmackssinn verloren, deshalb gekündigt und sich hier in die Einöde am Ende der Welt zurückgezogen.
Der Set ist an den Fischteichen Aschau aufgebaut, nordöstlich von Eschede. Vor gut hundert Jahren von Eisenbahnern angelegt, wird hier heute in großen Stil die Zucht von Forellen, Karpfen, Hechten und Edelkrebsen betrieben. Manfred Stelzer führt Regie, hinter der Kamera steht Wedigo von Schultzendorff. Produzent ist Markus Trebitsch. Die Besetzung der ungleichen Brüder: André Hennicke, eher leise-verhalten, spielt Willy, Jan Fedder, zupackend wie stets, den Fischmeister Frank Wittmann. Auf ihre Art stellen beide starke Charaktere dar, die in einem Konflikt schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen.

Zum drittenmal ist Jan Fedder Protagonist in einer Lenz-Verfilmung, die Trebitsch für den NDR realisiert und Kurzawa geschrieben hat. Dabei handelt es sich um Einzelstücke, Solitäre in jeder Beziehung. Niemand dachte an eine Reihe, als man vor drei Jahren «Der Mann im Strom» drehte. Ein Vorhaben, das in aller Regel schief geht: Ein bekannter Roman, längst kanonisierte Schullektüre und vor Jahrzehnten fürs Kino verfilmt, wird für das Fernsehen neu bearbeitet, in die Gegenwart verlegt und mit heutigen TV-Gesichtern besetzt. Selten geht die Spekulation auf, im Vergleich mit dem Original schneidet die TV-Version fast zwangsläufig schlecht ab. Jan Fedder in den Fußstapfen von Hans Albers: Das Projekt schien von vornherein zum Scheitern verurteilt, wurde jedoch zum Triumph eines Schauspielers, den viele bereits als bloßen Seriendarsteller aus dem Vorabend-Programm abgestempelt hatten. Für seine Rolle in der Lenz-Verfilmung wurde Fedder mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.
Am Anfang stand das Drehbuch: Produzent Markus Trebitsch beauftragte mit der Adaption Lothar Kurzawa, der sich für Werktreue entschied. Ganz im Gegensatz zur ersten Verfilmung von 1958, in der ganz im Stil des verlogenen Fuffziger-Jahre-Kinos die Geschichte abweichend vom Roman ein Happy End verpasst bekam. Vom Zeitkolorit befreit, zeigte sich, dass die Geschichte vom Taucher, der als Mitfünfziger keine Arbeit mehr finden kann und deshalb seinen Ausweis fälscht, unvermindert aktuell ist.

Die Substanz, aber auch die Atmosphäre der literarischen Vorlage blieben bewahrt bis ins Detail. So fährt Hinrichs im Roman von seiner Wohnung aus immer mit der Fähre über den Strom. «Das haben wir beibehalten», erläuterte der Regisseur Niki Stein, «und deshalb sogar ein Haus für Hinrichs gesucht und im Containerhafen Waltershof gefunden, das wirklich per Fähre gut zu erreichen ist.» Vor allem: Auf den Weichzeichner, mit dem das Fernsehen ansonsten die Wirklichkeit zur glatten Kulisse schönt, wurde hier verzichtet. «Da ist keine Spur von Schifffahrtsromantik und weiter Welt», lobte «Die Welt». «Die Taucher tasten sich durchs trübe Wasser. Der Himmel ist grau, und unter den Brücken lungern die Punks. Die Traumschiffe fahren hier nicht mal vorbei.»
«Das Feuerschiff», 2007 gedreht und letztes Jahr gesendet, war ein Kammerspiel mit den Untertönen eines Psychothrillers oder, so Jan Fedder, «ein Western auf dem Wasser». Bei seinem letzten Einsatz auf dem alten Feuerschiff nimmt Kapitän Freytag seinen rebellischen Sohn Fred mit an Bord; zwischen beiden schwelt seit langem ein unausgesprochener Konflikt. Sie fischen drei Schiffsbrüchige aus dem Wasser, die sich als gefährliche Kriminelle entpuppen und die Mannschaft terrorisieren. Sie verlangen, dass der Anker gelichtet wird, doch ein Feuerschiff darf seine Position nicht verlassen.

Der Konflikt zwischen dem Kapitän und der Mannschaft des Feuerschiffs, die den bewaffneten Piraten das Handwerk legen will, eskaliert, was Dr. Caspary, der hochintelligente Anführer der Gangster, gespielt von Axel Milberg, sich kaltblütig zu Nutzen macht. Rebellieren oder sich arrangieren, um Blutvergießen zu vermeiden? Wieder berührt die dramatische Handlung Fragen der Moral, die der Zuschauer selbst beantworten muss.
Kurzawa hat die Geschichte behutsam in die Gegenwart verlegt und erweitert: Bei Lenz ist es eine reine Männergeschichte, im Film gibt es eine Frau an Land, Freytags Liebste. Damit schafft sich der Film einen Raum für eine kleine Parallelhandlung, um der klaustrophobischen Enge auf dem Schiff kurzzeitig zu entkommen. Atmosphärische Dichte und innere Dramatik waren Autor und Regisseur wichtiger, die Action- und Kampfszenen, der Psychokrieg ist spannender als die nackte Gewalt, die in früheren Adaptionen im Vordergrund stand. Von dieser Lenz-Erzählung gab es sogar schon zwei Verfilmungen: Unter der Regie von Ladislao Vajda spielte in einem Schwarzweiß-Film 1963 Dieter Borsche und James Robertson Justice, Drehbuchautor war Curt Siodmak. Aus Kapitän Freytag wurde 1986 Captain Miller: In der amerikanischen CBS-Produktion «The Lightship», inszeniert von Jerzy Skolimowski, hatte Klaus Maria Brandauer die Hauptrolle übernommen. Doch auch diesmal brauchte man den Vergleich nicht scheuen. Siegfried Lenz war von dem Unternehmen so angetan, dass er eine Mini-Rolle in dem Film übernahm.

Zurück zu «Die Auflehnung», dem aktuell in Produktion befindlichen dritten Lenz-Film. Vorletzter Drehtag. Hamburg, Brahmsallee. Eine noble Villa ist das Haus des Teeverkosters: Bevor seine sensiblen Geschmacksnerven ihn im Stich ließen, hatte er einen gut dotierten Job. Doch nun bricht alles zusammen, und überdies verlässt ihn auch noch seine Frau – eine kleine Rolle, die Susanne Lothar übernommen hat, mit wenigen Sätzen der Figur Profil gibt. Im Drehbuch steht die Szene ziemlich am Anfang; es wird nicht chronologisch gedreht. Für den letzten Drehtag wird das Team umziehen, und lange hat man nach der Location gesucht, bis man sie fand: ein altes Bootshaus im Schweriner See. Zwei Menschen bei einer japanischen Teezeremonie, in wortloser Harmonie, das Bild einer Liebe, die nie Wirklichkeit werden kann. Ein Magic Moment. Nicht der einzige in diesem Film, der ein ganz anderes Leben erahnen lässt – die wahre Auflehnung, dazu braucht man kein Gewehr.
Lothar Kurzawa - Die Kunst der Adaption

Zum Autor