Lars Beckers «Nachtschicht»

Die Farben der Nacht
Die einzige Polizei-Serie im deutschen Fernsehen: Lars Beckers «Nachtschicht»

«Ein Schmuckstück des deutschen Fernsehens», nannte die Süddeutsche Zeitung Lars Beckers Reihe «Nachtschicht», die 2003 mit «Amok» startete und 2004 mit «Vatertag» fortgeführt wurde. Im letzten Jahr erreichte die dritte Folge «Tod im Supermarkt» weit über sechs Millionen Zuschauer. Am 29. Januar kommt «Der Ausbruch» zur Ausstrahlung; gleichzeitig startet Constantin eine DVD-Edition, die im Herbst geschlossen als Cassette vorliegen soll. Fortsetzung folgt: «Nachtschicht V», Arbeitstitel «Der Killer», wird im Februar gedreht.

Mit Armin Rohde, Minh-Khai Phan-Thi, Ken Duken und (neu ab Folge 4) Barbara Auer handelt es sich um das prominenteste Kommissariat des deutschen Fernsehens, und auch die anderen Rollen sind stets hochkarätig besetzt. In der neuen Folge spielt Florian Lukas den Gewaltverbrecher Alfons Töfting, der zusammen mit Willy Gecko (Jan Josef Liefers) aus dem Gefängnis Santa Fu ausbricht. Anna Loos, Bela B. und Dominique Pinon («Delicatessen», «Amélie») wirken in Nebenrollen mit. Doch es sind nicht allein die hervorragenden Darsteller und die intelligente Schauspielerführung, die «Nachtschicht» zu einem Highlight des deutschen Fernsehens gemacht haben.

«Nachtschicht» ist eine Klasse für sich, keine Serie aus der Retorte, sondern ein individuelles Format, erdacht, geschrieben und realisiert von einem Filmemacher, der sich am französischen und amerikanischen Kino orientiert. Und nicht am heimischen Fernseh-Alltag. Dies gilt auch für den Look von «Nachtschicht»: «Das Großstadtzwielicht, das Lars Becker auf den Bildschirm zaubert, kennt man sonst nur von Regiestars wie Scorsese», staunte die Programmzeitschrift TV Spielfilm.

Knapp, lakonisch, pointiert – die Erzählweise Lars Beckers ist schnell und modern. Wer hier einmal raus geht, um sich in der Küche ein neues Bier zu holen, hat etwas verpasst. Dies gilt auch für die Figuren: Hier werden nicht die ständig reproduzierten Rollen-Modelle noch einmal ausgewalzt, sondern Becker arbeitet mit ambivalenten Charakteren. Der von Armin Rhode verkörperte Erichsen ist ein zwielichtiger Bulle, der in der ersten Folge sich die Beute in die eigene Tasche gesteckt hat (das wird ihn in der neuen Folge ins Schwitzen bringen). Ein (nicht unsympathischer) Schweinehund im Team, das leistet sich keine andere Krimi-Serie, so mutig ist hierzulande nur Lars Becker (und sein Produzent Reinhold Elschot von Network Movie).

«Krimi ist ein Off-limit-Genre», davon ist Lars Becker überzeugt. Mit «Nachtschicht» hat er dem deutschen Fernsehkrimi einen Innovationsschub verpasst. Seinen spezifischen Ansatz hat H.-H. Obuch in der Frankfurter Allgemeinen beschrieben: «Lars Becker kennt die verschiedenen Krimi-Genres, kopiert sie aber nicht, sondern spielt entspannt mit ihnen. Er verbindet die Elemente eines kühl-melancholischen Film noir mit dem Tempo eines amerikanischen Cop-Streifens und den Pointen einer deutschen Kriminalkomödie, freut sich an kultivierten City Lights wie an gepflegten Alltagsbildern, er bietet schwarzen Humor und rasante Pointen und besitzt den Mut, ruhige, faszinierend träge Sequenzen einer Großstadtnacht zuzulassen. Das Resultat: eine kurzweilige Collage mit einer stringenten Handlung.» Nachtschattengewächse. Was sich von 18 Uhr bis 6 Uhr morgens, in den zwölf Stunden einer Nachtschicht abspielt, ist nicht bloß ein Kriminalfall, sondern die Welt, fokussiert in einem Ausschnitt. Liebesgeschichten, Action, Groteske, politische oder kriminelle Korruption, Milieustudie, alles hat Platz in «Nachtschicht». Sorgfältig wie ein Kinofilm entwickelt und gedreht, realisiert Lars Becker in der Reihe nicht mehr als einen Film im Jahr. Mag sein, dass dies einigen im Sender zu wenig war.

Das ZDF kopiert sich selbst, nicht nur Fernsehkritikern ist dies aufgefallen. Ein paar Tage nach «Nachtschicht – Der Ausbruch» kommt im selben Sender eine neue Serie zur Ausstrahlung, Titel «KDD – Kriminaldauerdienst». TV Spielfilm hat beide Serien einander gegenüber gestellt. Story, Darsteller, Dramaturgie, Dialoge, Optik, schließlich der Gesamteindruck. Das Original von Lars Becker wird in jedem Punkt gelobt; was die Zeitschrift über den Abklatsch schreibt, sei hier lieber verschwiegen. Stattdessen zitieren wir aus dem Konzeptpapier, das Lars Becker 2001 verfasste.

«Jede Episode von ‹Nachtschicht› beginnt mit dem abendlichen Schichtwechsel des Dauerdienstes, einem Großraumbüro im Stil einer Sportredaktion. Tagschicht übergibt an Nachtschicht. Kurze Shakehands der Kollegen, Stühle werden gerückt, Plätze getauscht, die leitenden Kommissare verabschieden sich mit ritualisierten Frotzeleien. Man hat sich gerade mit dem Kaffee hingesetzt, da klingelt das Telefon. Mit diesem Anruf, zugleich Markenzeichen der Serie, beginnt die Nachtschicht. Es kann ein Steakhaus-Überfall, ein Selbstmordkandidat, ein Junkie im Vorgarten oder ein Familiendrama sein.»

«Es gibt keine harmlosen Polizisten. Das Weltbild des Kriminaldauerdienstes, der Feuerwehr, der Kripo, ist pragmatischer, widersprüchlicher, desillusionierter und zynischer, jedoch nicht unmoralisch. Die Nachtschicht rückt aus, wenn alle anderen Kommissariate Feierabend haben. Sie sind Allround-Polizisten, unabhängig von Delikten, Zuständigkeiten und Fachdirektionen. Sie machen die Drecksarbeit, den Dienst auf der Straße, in einem fiktiven Polizeirevier zwischen trister Sozialbunkersiedlung und Multikultisanierungsviertel, zwischen Markthalle und Kebapsalons, zwischen Nachtclubs und Hinterhöfen, zwischen Alltagskriminalität und Gewaltverbrechen.»

«Sie sind Grenzgänger, hartgesottene Polizisten und zugleich Beichtväter, die im Seelenabfall der Großstadt wühlen, die Einsamkeit und Paranoia teilen, selten jedoch lindern können. (…) Ihre eigene Privatsphäre wird hier nicht als eigenständige Topographie geschildert, sondern dient als thematischer Hintergrund während der Arbeit. Scheidung, Alkoholprobleme, Beziehungsstress äußern sich als Aggressionsverlagerung in der Aktion, im Verhör, in der Ermittlung. Dokumentarisch und temporeich erzählt, lebt die Serie vom Aufeinanderprallen dieser Welten, von unkonventionellen Methoden, von groteskem Witz und Charme.»

Drei Absätze aus dem 25seitigen Konzept, gekennzeichnet als «Update 7/2001». Das Personal hat sich später etwas verändert, aber schon in diesem Papier ist Mimi Hu – eine Asiatin als deutsche Polizistin! – die Hauptfigur und ein gewisser Bruno Ehrlich (daraus wurde Erichsen), geplagt von Geldnöten und Eheproblemen, als ausgebrannter Law-and-Order-Verfechter ein problematischer Kollege im Team. Selbst Martinelli taucht schon auf (allerdings nicht als Besitzer einer Bar, sondern eines Lottoladens). Zunächst vier Folgen waren angedacht, der ursprüngliche Arbeitstitel lautete übrigens «Kriminaldauerdienst – KDD».


Bilder © ZDF
Lars Beckers «Nachtschicht»

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