Georg M. Oswald über
«Zum Sterben zu früh» von Lars Becker


Diller und Kessel sind ein Ermittlerpaar, wie es sie im deutschen Fernsehen noch nicht geben hat: Der eine ist Junkie, ein Drogenwrack mit Dienstausweis, der andere sein Freund, der nicht anders kann als ihn zu decken. «Unter Feinden» hieß der ZDF-Film, den Lars Becker nach dem gleichnamigen Roman von Georg M. Oswald 2013 inszenierte. In «Zum Sterben zu früh», nach der erfolgreichen arte-Ausstrahlung am 9. November im ZDF, die Kommissare Diller (Nicholas Ofczarek) und Kessel (Fritz Karl) im Einsatz, doch es handelt sich nicht um eine Fortsetzung, sondern um die Vorgeschichte. Auch das gab es bisher im deutschen TV noch nicht: Das Prequel zu einer Roman-Verfilmung.
Wir haben den Schriftsteller Georg M. Oswald um einen Beitrag über den von ihm mittelbar inspirierten Film gebeten.


«Wie sind Sie mit der Verfilmung Ihres Romans zufrieden?» ist eine der Fragen, die Schriftstellern eigentlich nur in Tagträumen gestellt werden. Ich konnte mir deshalb ein Schmunzeln nicht verkneifen, als sie mir zum ersten Mal im echten Leben gestellt wurde. Es gibt zwei prinzipiell unterschiedliche Möglichkeiten, darauf zu antworten. Man kann sich fragen, ob es dem Regisseur gelungen ist, womöglich «kongenial», genau ins Bild zu setzen, was der Romancier zuvor beschrieben hat. Dieser Art Literaturverfilmungen stand ich immer schon skeptisch gegenüber. Warum muss etwas, das schon einmal in einem Medium erzählt worden ist, möglichst detailgetreu noch einmal in ein anderes übersetzt werden? Die andere Methode ist die, dem Regisseur den Roman als Arbeitsgrundlage an die Hand zu geben und sich dann, zusammen mit den anderen Zuschauern, in den Kinosessel oder aufs Sofa zu setzen und zu sehen, was daraus geworden ist.

Als mich Lars Becker anrief, um mir zu sagen, er könne sich vorstellen, «Unter Feinden» zu verfilmen, stellten wir schnell fest, dass wir von der Welt, in der dieser Roman spielt, ihrer Färbung, den Stimmungen darin, sehr ähnliche Vorstellungen hatten. Wir trafen uns in einem Café in Hamburg, um über Details zu sprechen. Bei diesem Gespräch wurden mir zwei Dinge klar: erstens, der Film würde ganz anders werden als das Buch, zweitens, mir war es viel wichtiger, seine Atmosphäre würde erhalten bleiben, als der Plot.

Dennoch, einige der Bilder im ersten Teil entsprachen so genau dem, was ich im Kopf hatte, als ich den Roman schrieb, dass ich es selbst kaum glauben konnte. Das war besonders bei den Szenen um die beiden Hauptfiguren Diller und Kessel so. Anders als im Roman, wird Erich Kessel in der Verfilmung von «Unter Feinden» am Ende durch mehrere Kugeln niedergestreckt. Es liegt nahe, anzunehmen, er sei tot. Oder ist er es nicht? Im Roman stellt sich diese Frage nicht, dafür gibt es andere Hindernisse, die einer Fortsetzung scheinbar oder tatsächlich im Weg stehen. Während wir uns, gemeinsam und jeder für sich, Gedanken dazu machten, wurde die Idee, die Vorgeschichte von «Unter Feinden», die im Roman angedeutet ist, als Prequel zu erzählen, immer konkreter. Lars Becker schrieb und drehte «Zum Sterben zu früh», und anders als bei «Unter Feinden» wusste nun auch ich überhaupt nicht, was auf mich zukommen würde. Allein, dass Diller und Kessel wieder die Protagonisten sein würden, alles andere würde Neuland sein. Das Ergebnis hat mich begeistert. Lars Becker ist ein Meister darin, psychologisch stimmige Plots zu entwickeln, und er hat ein ernsthaftes Interesse an den Milieus, die er beschreibt, deshalb gelingen ihm so lebendige wie witzige Dialoge genauso wie eine glaubwürdige Cop-Story.

In «Unter Feinden» hat Erich Kessel neben der Polizeiarbeit ebenso viel damit zu tun, seine Drogensucht und ihre Folgen zu vertuschen. Er ist, das kann man, glaube ich behaupten, eine ungewöhnliche Figur für einen deutschen Fernsehkrimi. In «Zum Sterben zu früh» wird Kessels Weg in den Abgrund erzählt, der wiederum mit den Ermittlungen, die er und Diller zu führen haben, in Verbindung steht. Und auch hier wieder ist das merkwürdige Abhängigkeitsverhältnis der beiden zueinander zwischen Loyalität, Korpsgeist, Eigennutz, Freundschaft und gegenseitiger Verachtung, ein wesentlicher Antrieb der Geschichte.

«Zum Sterben zu früh» hat eine Menge Highlights, die ich sofort mochte, und ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich hier ein paar Andeutungen mache. Ich meine zum Beispiel die Verfolgungsjagd am Anfang, die eine Nummer härter ist als das, was man im deutschen Fernsehen sonst so sieht. Für mich ist immer wieder faszinierend, wie nahe Fritz Karl als Kessel und Nicholas Ofczarek als Diller dem kommen, was ich mir beim Schreiben vorgestellt hatte. Wie Anna Loos und Jessica Schwarz als deren Ehefrauen versuchen, ihre Würde zu bewahren, obwohl sie merken, dass sie von ihnen systematisch belogen werden, ist so sehenswert wie die libanesischen Hochzeitsvorbereitungen, über die ich nichts weiter verraten will.

Nachdem ich «Zum Sterben zu früh» gesehen hatte, dachte ich spontan, als nächstes müsste man den Weg erzählen, den Kessel und Diller zwischen dieser Geschichte und „Unter Feinden“ gegangen sind, also gewissermaßen ein zweites Prequel als Mittelstück. Das könnte man tun. Nach dem letzten Gespräch mit Lars Becker hatte ich allerdings auch ein paar Ideen, wie die doch recht unterschiedlichen Enden des ersten Teils in Roman und Film in einem Sequel zusammengeführt werden könnten. Sie sind im Zusammenhang mit «Zum Sterben zu früh» entstanden, was beweist, dass der Film seine Ideen nicht nur aus dem Roman bezieht, sondern es auch in die umgekehrte Richtung gehen kann. Das Gute an «Zum Sterben zu früh» ist, dass der Film für den Zuschauer auch funktioniert, ohne einen einzigen Gedanken an «Prequel», «Sequel» oder ähnliches zu verschwenden. Aber verboten ist es natürlich nicht und erhöht für den einen oder anderen vielleicht sogar den Reiz.




Text: © Georg M. Oswald
Bild: © ZDF
Georg M. Oswald über <br>«Zum Sterben zu früh» von Lars Becker

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