Der Josefine-Touch - Porträt einer Produktionsfirma

«Was ist denn eigentlich mit dem Studium?» Ingo will ein ordentliches Gespräch aufziehen, schließlich hat er seinen Anton lange nicht mehr gesehen. Doch der meint, das sei jetzt kein gutes Thema. Warum denn? Weil er die Schule geschmissen habe. Aber das sei ja furchtbar. Anton zuckt nur die Schultern. «Das hat doch sowieso nichts mehr mit der Realität zu tun. Wir müssen uns gegen den Terror der Phantasie abhärten. Und da gibt’s nur die beinharte kulturelle Untertunnelung.» Da sag was gegen.

Ingo eingezogen, weil Walter, sein Stiefvater, ihn rausgeschmissen hat. Der wohnt auch bald bei Ingo, denn der früher gut verdienende Computerfachmann ist arbeitslos und steht auf der Straße. Beide Männer haben ihre eigenen Probleme. Und ein gemeinsames. Ein Sohn, zwei Väter mit recht unterschiedlichen Erziehungsmethoden, die jedoch alle nicht fruchten. Der antriebsschwache Knabe hängt den ganzen Tag vor der Glotze und hat Chillen zum alleinigen Lebenszweck erhoben – wo ist da das Problem?

«Väter – denn sie wissen nicht, was sich tut» ist eine typische Josefine-Produktion: Regie Hermine Huntgeburth, Drehbuch Lothar Kurzawa und Volker Einrauch. Die ungleichen Väter werden gespielt von Edgar Selge und Armin Rohde; beide gehören quasi zum Josefine-Ensemble, und auch der dritte Darsteller trägt einen filmbekannten Namen: Robert Gwisdek ist der coole Bengel Anton. Der Fernsehfilm, wie fast alle Josefine-Filme entstanden im Auftrag von NDR und arte, hatte letztes Jahr Premiere beim Hamburger Filmfest. Im Publikum saß Günter Rohrbach, die graue Eminenz des deutschen Kinos und Präsident der Deutschen Filmakademie. Er war für den Fernsehfilm extra aus München angereist – Rohrbach ist bekennender Josefine-Fan.

«Local Players», so bezeichnet sich Josefine Film. Die Hamburger Produktionsfirma hat ihr Büro im Schanzenviertel, im Dreieck zwischen Rote Flora, Heiliggeistfeld und Schlachthof.

Und ihre Geschichten spielen nicht in Szene-Vierteln, sondern in Hamburger Vororten, ihre Protagonisten sind nicht Fernsehmoderatorinnen oder Werbe-Yuppis, sondern Malocher, Knackis und Hartz-IV-Bezieher (oder kurz davor).

Realitätsnah und skurril, bei Josefine geht das mühelos zusammen.
Josefine Film, das ist das kreative Trio Hermine Huntgeburth, Volker Einrauch, Lothar Kurzawa und die Producerin Corinna Dästner. In wechselnden Konstellationen realisieren sie ihre Produktionen und haben dabei ihren eigenen Stil entwickelt. Sie haben alle auch Projekte außerhalb des Hauses, haben große und erfolgreiche Filme inszeniert oder geschrieben, arbeiten regelmäßig für Constantin, Bavaria & Co. Aber die kleinen, feinen Filme mit speziellem Charme und Humor, dabei handelt es sich meist um eine Josefine Produktion.

Eddie düst mit seinem Ford Granada durch Hamburg-Wilhelmsburg und besucht Muttern im Freihafen. Es gibt in «Die Mutter des Killers» – diesmal führte Volker Einrauch Regie und Lothar Kurzawa schrieb das Buch – einen Krimi-Plot, eine schmuddelige Pulp-Fiction-Variante im Kleinformat. Hamburg ist eben nicht die Bronx. Die Figuren zitieren Gesten aus Gangsterfilmen, doch wenn die Baretta zum Einsatz kommt, schießt sich der Held selbst in den Fuß. Eddie ist ein Weichei, die anderen Männer, egal wie tough sie ihr Leben zu meistern versuchen, sind auch nur Loser. Aber doch keine Pappnasen.

1984 von Einrauch und Kurzawa gegründet, stieß Hermine Huntgeburth 1990 zu Josefine und drehte dort gleich ihre schwarze Komödie «Im Kreise der Lieben». Männer werden hier als Leichen im Keller gehortet oder (wie in «Gefährliche Freundin») gleich in den Kanal geworfen. Starke Frauen gibt es in Josefine-Filmen auch – allerdings nie Iris oder Hannelore im aparten Business-Kostüm –, doch thematisch stärker im Vordergrund steht die Frage: Werden Männer eigentlich nie erwachsen?

Ingo, einer der «Väter», arbeitet in einem Stoffladen und ist ein bisschen kontaktscheu. Was heißt ein bisschen – zwanzigundxmal hat er den Single-Treff besucht und ebenso oft ohne Erfolg. Leider muss er bei den Speed-Dates den Frauen immer gleich sagen, dass sie Stoffe tragen, die so gar nicht zu ihnen passen. Oder sich vorstellen, dass sie auf dem Mohairpulli eine Bernsteinkette tragen, was nun allerdings das Ende jeder Beziehung bedeuten würde. So kann es mit Ingo und den Frauen nichts werden. Dabei hat eine ein Auge auf ihn geworfen: Marion, die die Treffs organisiert. Wir ahnen es, gleich zu Beginn, nach folgendem Dialog. Marion: «Sie sind je ein Poet. Und ich hab’ geglaubt, Sie seien schüchtern.» Ingo: «Ja, das wird oft verwechselt.» Und am Ende ist es so, wie es in einer Komödie sein muss: Ingo wird von Walter gezwungen, sich gegenüber Marion zu erklären. «Man denkt sich das so einfach. Ich meine, mit diesen romantischen Liebeserklärungen, die dann so kommen. Zum Beispiel, was ich besonders an dir liebe. Was ganz Ausgefallenes muss das sein... Die Art, wie deine Ohrläppchen wackeln, wenn du lachst. So was.

Ich meine, die haben gut reden, da hat sich ja vorher einer was ausgedacht. Aber ich...» Ein Poet in Not oder Der Lubitsch-Touch meets Josefine.

«Väter» führt die Komödien-Tradition von Josefine («Und alles wegen Mama» und «Das verflixte 17. Jahr») fort. Vielleicht der größte Erfolg, jedenfalls nach den Trophäen: «Der Boxer und die Friseuse». Regiepreis für Hermine Huntgeburth beim Deutschen Fernsehpreis, nominiert waren außerdem die Schauspieler Ulrich Noethen und Hinnerk Schönemann sowie der Drehbuchautor Eckhard Theophil. Nun kommt wieder etwas Neues und doch ganz Josefine-like: «Der andere Junge», ein Low-Budget-Kinofilm. Keine Komödie, sondern ein Drama. Regie Volker Einrauch, Buch Lothar Kurzawa. Mit Peter Lohmeyer und Andrea Sawatzki, Christian Berkel und Barbara Auer. Die Postproduktion ist abgeschlossen, auf den Kinostart darf man gespannt sein.

© Text: rm, Bild: Josefine Filmproduktion