Dani Levy - Das Leben ist zu lang

«Wir machen die Filme, die nicht zu verhindern sind»

Dani Levy und seine neue Kinokomödie


«Willkommen in meinem grandiosen Leben!» Alfi Seliger ist Filmemacher, Hypochonder und Familienvater – wahrlich kein leichtes Dasein: Seine Frau fühlt sich vernachlässigt, seine pubertierenden Kinder finden ihn nur peinlich, und seine exzentrische Mutter nervt gehörig. Na gut, sein Familienleben mag sich in der Krise befinden, aber was ist das private Chaos gegen das berufliche Desaster:

Seit Jahren hat Alfi keinen Film mehr gedreht, genauer gesagt: «Das blaue Wunder», sein letztes Meisterwerk, war 1995 ein Erfolg im Programmkino. Kein Wunder, dass sich für Alfi das Leben eindeutig zu lang anfühlt.

Alfi sitzt im Taxi. Der Fahrer erzählt das übliche Taxi-Geschwätz: Was er den ganzen Tag erlebe, damit könnte man eine Fernsehserie füllen. Alfi lässt sich, etwas angeschlagen von einem ereignisreichen Abend, auf die Unterhaltung ein: «Wenn man aus Ihrem Leben einen Film machen würde, was wär das – Komödie, Tragödie, Western, Krimi ...?» Taxifahrer: «Komödie, eindeutig, sowat wie ‹Taxidriver›, kennen Sie den?» Alfi kennt den Film natürlich: Tolles Drehbuch. Taxifahrer: «Und Ihr Leben, wat wär dit fürn Film?» Alfi, leise, schaut aus dem Fenster: «Ein Wenders-Film.»

Oder vielleicht doch eher ein Film von Woody Allen, der unverkennbar Pate gestanden hat für «Das Leben ist zu lang». Nicht zufällig klingt Alfi Seliger, der Name von Levys Protagonisten, ein bisschen wie Alvy Singer, Allens «Stadtneurotiker». Er ist ein geborener «Nebbich», ein liebenswerter Versager. Gespielt wird er von Markus Hering, der mit seinen zerzausten Haaren ein bisschen aussieht wie Dani Levy. (Ja, Levy hatte zunächst sich selbst gecastet, fiel beim Regisseur Levy aber durch.) Meret Becker ist Helena Seliger, seine Frau, Hannah Levy und David Schlichter sind seine Kinder Romy und Alain.

Geburtstagsparty bei Altproduzent Holger Miesbach-Boronowski (Hans Hollmann). Alfi Seliger ist nicht direkt eingeladen, aber er bemüht sich, sein Projekt mit dem Titel «Mo-ha-ha-med», eine gewagte Satire um den Karikaturenstreit, unterzubringen. Wer in der Branche wichtig ist oder sich für wichtig hält, sie alle sind auf dem Event. Und natürlich Stars, Katja Riemann zum Beispiel. Komisch, die wollte damals nicht in seinem Film spielen, dabei war es die Hauptrolle – Lady Di als rassistische, antisemitische Königin auf Besuch in den Kolonien. Unter all dem Glamour, den Schönen und Erfolgreichen, wirkt Alfi wie eine lächerliche Figur, und sein unfreiwilliger Abgang durchs Badezimmerfenster ist auch keine Heldentat.

Umsonst war es jedoch nicht, dass er mit seinem Drehbuch hausieren gegangen ist. Produzent Miesbach-Boronowski, Alfi ist selbst am meisten überrascht, zeigt sich interessiert an «Mo-ha-ha-med» und schiebt einen gut dotierten Optionsvertrag rüber. Ihn hat seine junge Frau Natasha (Veronica Ferres) überzeugt, sieht sie doch eine Rolle für sich in dem Film. Und dann gibt es noch einen heimlichen Financier im Hintergrund: Lieselotte Herbst, Alfis Mutter, gespielt von Elke Sommer. Die einst berühmte, inzwischen nur noch von vergangenem Ruhm zehrende Schauspielerin hatte früher einmal eine Liason mit Miesbach-Boronowski.

Das ist erst der Anfang. Alfi hat an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Während er sich um sein Projekt kümmert, muss er sich einer Magen-Darm-Spiegelung unterziehen. Er gewinnt den einstigen deutschen Weltschauspieler Georg Maria Stahl (Gottfried John) für seinen Film, seine Frau synchronisiert Erotik-Filme fürs Fernsehen. Kurzfristig holt man Alfi für eine Daily-Soap, er glaubt doch tatsächlich, man wolle die Fließband-Produktion durch den Seliger-Touch veredeln; einen Tag später wird er gefeuert, ein echtes Kurzzeit-Engagement. Alfi sitzt einem weinenden Anlageberater (Kurt Krömer) gegenüber: Die Bank geht insolvent, sein Geld ist weg, übrigens auch das von Muttern.
Natasha stellt ihm nach, während sich mit der jungen Aktrice Caro Will (Yvonne Catterfeld) ein zarter Flirt anbahnt (und Alfis Frau fremdgeht). Der Produzent Miesbach-Boronowski bestellt ihn zu sich und stellt ihm ein Autorenduo vor, das gerade dabei ist, aus seinem «Mo-ha-ha-med»-Drehbuch eine Serie fürs Privatfernsehen zu entwickeln.

Wer ist Freund, wer ist Feind – Alfi verliert zunehmend den Überblick, gerät immer tiefer in ein Netz von Verschwörungen, echten wie eingebildeten. Aus Hoffnung wird Paranoia, da hilft nur noch der Gang zum Psychiater. Doch Mohammed Tabatabai (Udo Kier) hat nur einen Rat parat: Alfi soll seinem Leben ein Ende machen, also versucht er einen theatralischen Abgang. Aber wie es sich für unseren Nebbich gehört, misslingt ihm selbst das – er überlebt und erwacht aus dem Koma nur scheinbar in seinem alten Leben...

«Wir machen die Filme, die nicht zu verhindern sind», unter diesem Motto ist Dani Levy an diesen Film, ein altes Lieblingsprojekt, herangegangen, als kein deutscher Fernsehsender koproduzieren wollte. So hat X Filme Creative Pool «Das Leben ist zu lang» mit Warner Bros. auch ohne TV-Beteiligung gestemmt. Vor und hinter der Kamera agieren alte Vertraute: Produzentin ist Manuela Stehr, der Kameramann heißt Carl-Friedrich Koschnick, der alle Levy-Filme fotografiert hat; Szenenbild: Christian Eisele, Kostüme: Lucie Bates, Musik: Niki Reiser, Levys Komponist seit seinem Debütfilm.

«Das Leben ist zu lang» ist ein buntes Panoptikum über die Irrungen und Wirrungen eines Mannes in der Krise. Ein Film über den Sinn des Lebens und seine Eitelkeiten, exemplifiziert an der Filmbranche, wo Allüren und Illusionen besondere Blüten treiben. Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle – auf den ersten Blick wirkt die Besetzung wie eine Starparade. Otto Sander treibt sich auf der Produzenten-Party rum, Karoline Herfurth spielt Karoline Herfurth, Heino Ferch im Arztkittel einen Professor Mohr, der «wie Heino Ferch aussieht». Mit Ironie und Humor, Insider-Jokes und Dialog-Witz umkreist der Film sein eigentliches Thema, das sich vielfach gebrochenen in der brillanten Besetzung widerspiegelt: Sein und Schein oder Was ist Realität, was ist Film?

Doch von «Selbstreflexivität» und ähnlichen intellektuellen Formeln würde Dani Levy nie sprechen, für ihn ist Alfi Seliger schlicht ein Seelenverwandter: «Ich würde mit Alfi jederzeit gerne ein Bier trinken.» Und das Füllhorn seiner Einfälle? «Ein Film muss die Zuschauer immer wieder überraschen – so wie es im Leben ja ebenfalls ständig geschieht.»
Dani Levy - Das Leben ist zu lang

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