ANTONIO IN WONDERLAND
von Daniel Speck

«Looots of beautiful girls in New York! Best girls of the world! You’ll enjoy your stay!» Jetzt weiß ich, warum Moataz, der Ägypter, vor 30 Jahren seine Heimat verlassen hatte, um mit einem Yellow Cab durch Manhattan zu kreuzen. «But they’re smart, ya know, don’t give you free pussy. Gotta play serious, ya know. Me, I’m a serious man», fügt er hinzu, «Made my Hadj in Mekka two times. Got married, got three children, they got the best education. Looook at that beauty!!!» Gerade erst haben wir JFK verlassen, und schon zwei Blondinen in Shorts. Ein Ägypter im Wunderland. «Are you single?»

Antonio Marcipane aus Süditalien wäre auch gern nach New York gekommen, in den 60er Jahren. Nicht wegen den Girls, sondern um reich und berühmt zu werden. Aber dann blieb er unterwegs in Osnabrück hängen. Wegen einem Girl. Heiratete, bekam Kinder und wurde ein serious man. So hat es Jan Weiler in seinem Roman «Antonio im Wunderland» erzählt. Ich liebte Antonio von Anfang an. Für seine Fähigkeit, Niederlagen in Siege zu verwandeln, indem er sie einfach im Kopf umdeutet. Wegen seiner unwiderstehlichen Art, sich immer und überall in den Mittelpunkt zu schieben, obwohl er insgeheim weiß, dass er eine unbedeutende Randexistenz als Stahlarbeiter führt. Für die Liebe zu seiner Familie. «Antonio im Wunderland» handelt davon, wie ein italienischer Gastarbeiter in Rente geht und sich noch einmal seinen Jugendtraum von New York erfüllen will.

Und jetzt machen wir auch noch einen Film daraus. Ich stelle mir Antonio als einen Mann mit schütterem Haupthaar, aber vor Stolz geschwellter Brust vor. Was für eine Lebensleistung – vom armen Süditaliener bis zum amerikanischen Filmstar.

Doch dann wurde er degradiert. Im Roman noch die unangefochtene Hauptfigur, musste Antonio in der Adaption das Zepter an seinen Schwiegersohn Jan abgeben. So ist das im Filmgeschäft. Da werden gnadenlos Figuren verstümmelt, Plots gestürzt, darlings gekillt. Christian Ulmen spielt Jan, und Ulmen ist der Star. So war das auch schon in «Maria, ihm schmeckt’s nicht!» Jan ist der Point Of View Character fürs junge Kinopublikum. Also wurde über Antonios Kopf hinweg beschlossen, dass der Film dort anfangen würde, wo der erste Film aufgehört hatte: Jan und Sara, die endlich geheiratet haben, machen jetzt Flitterwochen. In New York. Und Antonio, der Platzhirsch, will mit. Aus dem Protagonisten war innerhalb einer Drehbuchbesprechung der Antagonist geworden.

Vielleicht führt er sich deshalb so auf in unserem Film. Weil er weiß, dass er seinen Platz räumen muss. Für den neuen Paten. Und der muss sich diese Ehre erstmal erkämpfen.

Möglicherweise ist das nicht nur Antonios Schicksal, sondern das Schicksal aller Romanadaptionen: Dass Geschichten, die von einem Format ins andere transportiert werden, Migranten sind. Sie müssen sich in der neuen Umgebung, die sie sich oft nicht ausgesucht haben, erstmal zurecht finden. Sie sträuben sich mit aller Kraft. Sie wollen ihre Identität nicht aufgeben. Doch am Ende müssen sie sich assimilieren. Vielleicht nicht ihre Seele - hoffentlich nicht! - aber doch ihr Selbstverständnis.

Mein Job als Drehbuchautor wäre dann so eine Art Integrationsbeauftragter. Einer, der die Figuren und ihre Geschichten empathisch an der Hand nimmt und ihnen hilft, in ihrem neuen Habitat Wurzeln zu schlagen. Vielleicht sehen die Figuren meine Rolle etwas weniger schmeichelhaft, und ich bin in ihren Augen einer, der ihre Wurzeln ausreißt und den Wölfen des Filmgeschäfts zum Fraß vorwirft. Aber dafür werde ich bezahlt. Von den Wölfen.

Zum Glück sind Jan Weiler und ich immer noch Freunde. Vielleicht ist das Geheimnis unserer Freundschaft, dass wir als Roman- und Drehbuchautor eigentlich natürliche Feinde wären, aber uns entschieden haben, uns zu mögen und zu schätzen. Unsere Arbeit am Drehbuch stand unter der unausgesprochenen Verabredung, dass keiner etwas gegen den Willen des Anderen schreiben würde. Dadurch konnten wir eine Menge voneinander lernen. Ich durfte mich immer auf Jans untrügliches Gespür für seine Figuren verlassen, er vertraute meinem dramaturgischen Handwerk. Außerdem sind wir humorkompatibel; das ist Gold wert. Vor allem dann, wenn einem nach fünf Jahren Arbeit, zwischen der achten und neunten Drehbuchfassung, nicht mehr zum Lachen zumute ist. Und irgendwann kam der Moment, wo wir beide unser Baby loslassen mussten. Aus dem Drehbuch wird ein Film.

Jetzt stehe ich in Chinatown, allein unter fünfzig Wölfen, und beginne zu realisieren, dass die ganze Mühe nicht umsonst war. Amerikanische Schauspieler in NYPD-Uniform, die ich nicht kenne und die nicht wissen, wer der unbekannte Besucher auf dem Set ist, sprechen die Worte, die vor Jahren mal in meinem Kopf erschienen waren. Ulmen wird gerade verhaftet, mal wieder, ohne dass er etwas verbrochen hat. Unser running gag. Und das ganze auf heiligem cineastischem Boden. De Niros Geist schwebt über der Gosse.

Christian Ulmen schleppt einen überdimensionalen Kinderwagen durch Manhattan, denn er ist in den Flitterwochen mit Mina Tander. Das steht genauso wenig im Roman wie die Hochzeit in «Maria, ihm schmeckt’s nicht!» Der Honeymoon ist der neue Plot der neuen Hauptfigur: Jan schenkt seiner schwangeren Frau Sara eine Reise nach New York, um ein letztes Mal vor dem Familienwahnsinn etwas Schönes zu machen. Zu zweit. Und sein Schwiegervater Antonio will mit. Während Jan sich darauf vorbereitet, Vater zu werden, kann Antonio es nicht lassen, Papa zu sein. Er geht in Rente – das haben wir aus dem Roman übernommen – und fragt sich, ob sein Leben gelungen ist. Oder ob er, wie seine Tochter ihm wütend vor die Füße knallt, nur «ein Nichts» ist. Für sie war er damals, als seine deutsche Freundin schwanger wurde, in Osnabrück geblieben, hatte auf seinen Kindheitstraum von New York verzichtet... und das ist jetzt der Dank? Der alte Patriarch muss als Großvater in die zweite Reihe treten, der Schwiegersohn muss sich seinen Platz als Vater erkämpfen. So haben wir die beiden Plots – Jans Flitterwochen und Antonios Lebensrückschau – miteinander verbunden. Im Grunde konkurrieren beide um die gleiche Frau.

Die zweite thematische Ebene von «Antonio im Wunderland», der Migrationshintergrund, vor dem die Geschichte spielt, ergibt sich organisch aus den Figuren, ebenso wie aus dem Schauplatz, dem selbstverständlichsten Melting Pot der Welt. Man braucht das gar nicht mehr groß herauszustellen. Der Hotelpage ist Inder, der Polizist Italiener, die Kinderwagenverkäuferin ist Japanerin. Und alle sind Amis. So unaufgeregt wollen wir das Thema heute erzählen.

Der nächste Culture Clash findet am Set statt: Deutsche Teammitglieder, die schon sechs Wochen in Deutschland gedreht haben, arbeiten jetzt Hand in Hand mit einer local crew. Die Ansagen werden auf Englisch gerufen. Und man wundert sich nicht mehr, warum amerikanische Filme viel mehr kosten als deutsche – hier gibt es noch mehr getrennte Zuständigkeiten und entsprechend mehr Personal: Der Regisseur darf nicht mit den Komparsen sprechen, denn sonst haben sie das Recht, einen actor’s credit zu verlangen - und entsprechend mehr Geld. Also macht das nur der Second Assistant Director. Der wird wiederum unterstützt von einem Hipster mit Bart und Glatze, der sich mir als «Second Second Assistant Director» vorstellt. Was er darf, was andere nicht dürfen, habe ich noch nicht herausgefunden.

Christian Ulmen fliegt jetzt aus einem chinesischen Schnellimbiss aufs harte New Yorker Pflaster. Den Schlag, der ihn hinaus katapultiert, hat er bereits in Köln bekommen. Dort wurde der Schnellimbiss im Studio gebaut, so wie alle New Yorker Innen-Sets. Denn die Euros der Filmförderung müssen dort ausgegeben werden, woher sie stammen. Geld migriert nicht. Eingefleischte Filmfreaks werden es bemerken; für alle Anderen macht der Schnitt die Illusion perfekt.

Christian Ulmen bekommt ein paar Schrammen mehr ins Gesicht geschminkt, und Alessandro Bressanello, der Antonio spielt, fährt in einer schwarzen Stretch Limo vor: Als Mann, der’s geschafft hat. Der verrentete kleine Gastarbeiter lädt die Jugend ins luxuriöseste Penthouse von Manhattan ein. Im Dakota Building, wo schon John Lennon residierte. Im Roman war’s noch die Suite von Robert de Niro. Aber ein Drehtag mit Robert de Niro hätte das gesamte Budget des Films verschlungen, und aus rechtlichen Gründen dürfen wir den Namen des Göttlichen nicht aussprechen. Also gehört das Penthouse jetzt Antonios reich gewordenem Jugendfreund Mauro. Der kommt im Roman zwar auch vor, aber da hat er kein Penthouse. Und das ist inzwischen völlig egal, ebenso wie die Tatsache, dass das Penthouse in einem Bonner Schloss gedreht wurde. Denn es funktioniert wunderbar. Fünf Jahre lang haben wir am Drehbuch gefeilt, und nach all den verschiedenen Fassungen wirkt jetzt alles ganz leicht. Komödie ist verdammt harte Arbeit; man darf es nur keinem weitersagen. Und wer glaubt, dass es leichter wäre, einen Bestseller zu adaptieren als ein Originaldrehbuch zu schreiben, der soll es einfach mal versuchen.

Die letzte Klappe des Tages. Mina Tander in Nahaufnahme. Man möchte sofort eine italienische Großfamilie mit ihr gründen. Wenn unser Film gelingt – und es sieht ganz danach aus – werden sich die Kinozuschauer nicht mehr fragen, welche Szene ursprünglich aus dem Roman stammt und welche wir neu erfunden haben. Szenen mit oder ohne Migrationshintergrund werden gleichwertig nebeneinander stehen und zusammen ein neues Ganzes ergeben. Ganz selbstverständlich.

«No racism in New York!», ruft Moataz, der Ägypter, während er den High Heels der nächsten Blondine hinterher schaut. «People come to this place from all cultures, y’know, black, Hindu, Muslim, German, Italian, we all respect each other. That’s the New York spirit, even after 9/11. And if some Texan shithead comes here and says something against Arabs, I’ll fuckin’ punch that bastard in the face!»

© Text und Bild: Daniel Speck
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