Wilsberg trifft Wilsberg

Wilsberg ist Kult: Ein Millionenpublikum liebt den Privatdetektiv aus Münster, der mit seinem lakonischen Witz, den notorischen Geldsorgen und dem speziellen Charme längst eine Institution des deutschen Fernsehens geworden ist.
Jürgen Kehrer hat die Figur Georg Wilsberg erfunden, 1990 in seinem Kriminalroman «Und die Toten lässt man ruhen», der für das ZDF verfilmt wurde. Es dauerte ein paar Jahre, dann ging «Wilsberg» in Reihe – im Buch wie im Fernsehen. Bisher 16 Romane und 43 TV-Filme, Fortsetzung folgt. Autor Kehrer ist nicht nur immer wieder in Cameo-Auftritten zu entdecken, er steuert gelegentlich auch die Drehbücher bei. Gerade sitzt er, zusammen mit Sandra Lüpkes, an seinem neunten «Wilsberg»-Drehbuch.
Der Romanheld Wilsberg ist nicht völlig identisch mit der Fernsehfigur gleichen Namens, und so hat sich Jürgen Kehrer den Spaß erlaubt, «seinen» Wilsberg auf den Schauspieler treffen zu lassen, der ihn im TV verkörpert. Natürlich handelt es sich um eine Kriminalgeschichte. Schauplatz sind die Aasee-Terrassen, wo auch realiter die Fernsehfilme regelmäßig gezeigt werden. Hier ein Auszug:


Münster war schön. Sah man mal vom Bahnhof ab, der ungefähr in der Adenauer-Ära von der Bahn – die damals noch Bundesbahn hieß – vergessen worden war, sodass neumodische Erfindungen wie Rolltreppen oder Aufzüge erst in jüngster Zeit in Angriff genommen wurden. Ach ja, wir hatten auch keinen Fußball-Bundesligaverein, keine Berge und keinen direkten Zugang zum Meer. Aber ansonsten alles, was man brauchte, um einigermaßen zufrieden zu leben. Berlin mochte hipper sein, Hamburg schnöseliger und München nobler, doch wer einmal in Münster gewohnt hatte, wollte eigentlich nicht mehr weg.

Ich zum Beispiel. Seit zwanzig Jahren lebte ich im Kreuzviertel, einem Stadtteil mit renovierten Jugendstilhäusern, alten Bäumen und einer Kirche, die von Kneipen umzingelt war. Die Kneipen wechselten im Lauf der Zeit ihre Namen und ihre Besitzer, so wie die Haare der Studienrätinnen und Rechtsanwältinnen in meiner Nachbarschaft die Farbe – an den lauen Sommerabenden, die ich am liebsten an einem der Kneipentische unter den alten Bäumen neben der Kirche verbrachte, änderte das wenig.

Früher hatte ich allerdings nur meinen Beruf verschleiert, wenn ich mit einer Unbekannten bei einem Glas Bier ins Gespräch kam, inzwischen erwähnte ich auch meinen Namen lieber nicht mehr. Zumindest nicht meinen richtigen. Denn die Reaktion auf die Wahrheit war immer die gleiche: ungläubiges Staunen, dann ein verschämtes Prusten, das sich je nach Temperament bis zu einem lauthalsen Lachen steigerte, schließlich der ironische Protest gegen meine vermeintliche Aufschneiderei: Sie sehen aber ganz anders aus als im Fernsehen. Der Echte kann so schön melancholisch gucken. Und ein paar Kilo fehlen Ihnen auch auf den Rippen.

Nutzlos darauf hinzuweisen, dass es sich um einen Schauspieler handelte, der mich darstellte. Oder das, was die Fernsehleute aus meinem Leben gemacht hatten. Anfangs dachte ich, ich könnte den hämischen Kommentaren dadurch ein Ende bereiten, dass ich meinen Personalausweis aus der Tasche zog. Ein fataler Trugschluss. Denn nun hielten mich meine Gesprächspartnerinnen nicht länger für einen Angeber, sondern für einen Kleinkriminellen, der mit gefälschten Papieren herumlief – und ergriffen spontan die Flucht.

Also ließ ich das mit dem Namen-Sagen und dem Personalausweis-Zeigen. Stattdessen wählte ich eine falsche Identität, eine, die ich gelegentlich bei meinen Ermittlungen benutzte und für die ich eine passende Visitenkarte in der Tasche hatte.

Münster war immer noch schön. Allerdings nicht mehr ganz so schön wie zu jener Zeit, als ich noch zu dem stehen konnte, wer und was ich war: Georg Wilsberg, Privatdetektiv.

Nein, man hatte mich nicht bestohlen. Es gab einen Vertrag, der alles regelte. Ich hatte den Filmleuten mein Leben erzählt und ihnen das Recht verkauft, meinen Namen zu verwenden. Sie hatten einiges verändert, wie Filmleute eben so sind. Aus meinem alten Kumpel Hauptkommissar Stürzenbecher machten sie eine Frau und aus dem Briefmarken- und Münzladen, den ich früher mal besessen hatte, ein Antiquariat. Wirklich schlimm war das nicht, das Antiquariat gefiel mir sogar richtig gut, es gab mir so einen intellektuellen Touch.

Manchmal fiel auch ein Job für mich ab, wenn am Set dauernd Dinge verschwanden oder ein Stalker vor dem Hotel einer Schauspielerin herumlungerte. Im Grunde lebte ich also ganz gut davon, meine Identität einem anderen überlassen zu haben.

Aber immer öfter ertappte ich mich während der Arbeit dabei, dass ich mich fragte, was Wilsberg jetzt wohl machen würde. Dann musste ich mich daran erinnern, dass ich kein Fernsehstar, sondern nur ein mäßig erfolgreicher und halbwegs gut aussehender Privatdetektiv war. Und dass es bei mir nicht darauf ankam, wo die Kamera stand und ob mein Jackett zum Hintergrund passte.

Als das Telefon klingelte, sah ich auf dem Display, dass Norbert Stremel anrief. Stremel arbeitete als Producer bei der Filmproduktionsfirma und betreute jeden in Münster gedrehten Film von der ersten Drehbuchzeile bis zum letzten Schnitt.

«Wir brauchen dich mal wieder», begann Stremel. Wir duzten uns. Filmleute duzen jeden.

Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass am Abend die Open-Air-Vorführung eines Films am Aasee stattfinden würde. Mit allen Schauspielern, die mitwirkten und die vorher für einen guten Zweck auf den Aaseeterrassen kellnern würden.

«Wofür?», fragte ich.

«Wilsberg wird bedroht.»


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Aus: «Der Rest ist Schweigen» von Sandra Lüpkes und Jürgen Kehrer, erschienen in dem Kurzgeschichten-Band «Wilsbergs Welt», Dortmund 2013. © Jürgen Kehrer
Bildrechte © ZDF

Grafik aller Beiträge: Matrix Typographie & Gestaltung,
Christina Modi / Maren Orlowski, Hamburg

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