«Einsamkeit und Sex und Mitleid»: Helmut Krausser über die Verfilmung seines Romans

Beim «Lola»-Festival auf der Berlinale sah Helmut Krausser erstmals die Verfilmung seines Romans «Einsamkeit und Sex und Mitleid» und gab anschließend das nachfolgende Interview. Was er damals noch nicht wusste: Er ist für das Drehbuch zusammen mit Lars Montag beim Deutschen Filmpreis nominiert.

Herr Krausser, eben haben Sie die Verfilmung Ihres Buches zum ersten Mal auf großer Leinwand im Endschnitt gesehen. Sind Sie zufrieden?


Durchaus. Zufrieden und erleichtert. Es ist sicher die gelungenste Verfilmung eines meiner Bücher, aber das war auch nicht so schwer, denn «Fette Welt» und «Der große Bagarozy» gehören nicht eben zu den Meilensteinen der Filmgeschichte.

Wie war die Zusammenarbeit am Drehbuch mit dem Regisseur Lars Montag?

Nun, ich schrieb einfach mal, schon um zu beweisen, dass das Buch filmisch ohne große Abstriche in 90 Minuten umzusetzen ist, eine erste Fassung, ohne Honorar, sozusagen auf Verdacht. Dabei habe ich versucht, alle 36 vorkommenden Charaktere zu «behalten». Die Figuren eines Romans sind für einen Schriftsteller ja so was wie seine Familie. Man glaubt, sie sehr gut zu kennen und will keinem wehtun. Ich glaube, dass diese erste Fassung des Drehbuchs sehr viel vom Witz des Buches transportiert hätte, es wäre eine skurrile dialoglastige Komödie daraus geworden. Aber schnell war mir auch klar, dass es so nicht gehen konnte, schon allein, weil unser Budget so gering war, ich glaube gerade mal anderthalb Millionen Euro. Folglich hat Lars etliches Personal entfernt, zum Beispiel die Punks. Darüber habe ich mich natürlich zuerst aufgeregt, zum Beispiel auch, dass Ekkis schwarze Geliebte Minnie verschwinden musste und zwei der Figuren zu einer verschmolzen wurden, aber rein pragmatisch gesehen ging es wohl kaum anders. Daraus folgerte aber auch, dass etliche Geschichten umgeschrieben werden mussten, und das habe ich dann lieber Lars überlassen. Er hat zu den diversen Hetero-Beziehungen noch eine schwule hinzugefügt, was mich anfangs irritiert hat, denn eine Rolle wie Ekki wurde dadurch ja komplett umgedeutet, aber inzwischen finde ich das sehr ok, das gehört bei einem Panorama sexueller urbaner Beziehungen einfach dazu. Andererseits wurde durch die filmische Komprimierung das rein sexuelle Element deutlich in den Vordergrund gestellt. Ich sah mich plötzlich einem Film gegenüber, der viel drastischer, ja brachialer war als mein Buch. Dauernd war von Penisgröße die Rede. Von daher nahm ich mir die sechste Fassung des Drehbuchs und versuchte, ein wenig mäßigend einzuwirken, denn Sex ist, wie der Titel nahelegt, bei mir nur eine Komponente des Stoffes. Man musste auch stark aufpassen, dass die teils gewagten Dialoge, die im Buch viel milder sind, niemand in den falschen Hals bekommen würde. Und ehrlich gesagt, als ich nach dem Dreh die ersten Muster des Filmes sah, glaubte ich an keine große Zukunft des Filmes. Das schien mir alles zu weit weg vom Original, ich konnte nicht verstehen, warum auf einige tolle Dialoge verzichtet worden war und so weiter. Aber es bestätigte sich wieder einmal die alte Wahrheit: Auf Muster und Rohschnitt darf man nichts geben. Erst am Ende offenbart sich die Vision des Regisseurs. Jetzt ist der Film sozusagen in einem anderen Genre gelandet, aber in sich völlig flüssig und spannend. Im Laufe der Arbeit hat Lars Montag die Schauplätze, die Locations, immer weiter radikalisiert, bis an die Grenze des Realen. Die meisten Zuseher zum Beispiel würden nicht glauben, dass «leise Diskotheken», bei denen man mit Kopfhörern tanzt, oder sogenannte «Anger Rooms», bei denen man mit dem Baseballschläger Mobiliar gegen den inneren Frust zerschlagen darf, wirklich existieren, aber es gibt sie. Das Filmteam hat schier Unglaubliches geleistet, zum Beispiel, dass im Schnitt täglich sechs Minuten des Films entstanden sind, für den der nicht vom Fach ist – das ist beinahe unfassbar und nur durch eine große logistische Leistung zu erklären. Es hätte wirklich sehr viel schiefgehen können, ausgerechnet die katholische Kirche Leipzig hat dem Team den Arsch gerettet, indem sie im letzten Moment einen ihrer Kirchenräume zum Dreh zur Verfügung gestellt hat. Witzigerweise musste der Film ja unter einem Alibi-Titel gedreht werden («Hummeln im Bauch»). Der Originaltitel ließ viele an einen Porno denken.

Ein Wort zu den schauspielerischen Leistungen?

Lars hat ein absolut stimmiges Ensemble zusammengestellt, das mich durchweg begeistert hat. Beim Rohschnitt übrigens noch nicht, denn da war so viel vernuschelt und unverständlich, dass ich schlicht oft nicht kapiert habe, was da verhandelt wird. Ich hatte die Möglichkeiten der Nachbearbeitung komplett unterschätzt. Jetzt, finde ich, ist ein sehr aktueller Film entstanden, der sich angenehm vom üblichen deutschen Angebot abhebt, der etwas wagt und auf die Kacke haut, ohne über das Ziel hinauszuschießen. Ich könnte mir sogar einen gewissen Kassenerfolg vorstellen. Dies wäre allein schon deshalb wünschenswert, weil so viele Filmförderungsgremien einen solchen Stoff für nicht förderungswürdig erachteten und ihre Gelder lieber irgendwelchen banalen oder risikofreien Projekten zukommen ließen. Ich glaube sogar, dass sich das Ausland für diesen Film interessieren könnte, denn im Grunde ist er ein ähnlicher Grenzgang wie der zur Zeit so beliebte «Toni Erdmann», nur ohne dessen, wenn ich das so sagen darf, Längen.

Zum Film: Ein bizarres Großstadt-Panorama hat die Kritik Helmut Kraussers Roman genannt. Er mischt Melodram, Ironie, Suspense und Lakonik zu einem überwältigenden Kaleidoskop des Lebens. Krausser bringt zusammen, was nicht zusammengehört: Die Geschichten der unterschiedlichsten Menschen werden verknüpft zu einem Netz, aus dem es kein Entkommen gibt.
«Einsamkeit und Sex und Mitleid» ist eine Produktion von herzfeld productions, Werner C. Barg, und OPAL. Neben der Nominierung für das Drehbuch sind Eva Löbau und Rainer Bock als beste Nebendarsteller/in für eine Lola nominiert. Regie führte Lars Montag. Der Film kommt am 4. Mai in die deutschen Kinos.



Bilder: © X Verleih
«Einsamkeit und Sex und Mitleid»: Helmut Krausser über die Verfilmung seines Romans

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