«Das Kino der Autoren» -
«Wünsche» von Judith Kuckart

In Judith Kuckarts neuem, allseits gelobtem Roman «Wünsche» spielt der Film eine große Rolle. Bei der Buchpremiere im Literarischen Colloquium Berlin stellte ein Filmemacher das Buch vor: Robert Thalheim. Kennen gelernt haben sie sich Anfang Juni 1996 in Auschwitz: Thalheim arbeitete dort für die Aktion Sühnezeichen in der Gedenkstätte; Kuckart begleitete eine Mannschaft von jungen Fußballern, die ein Freundschaftsspiel gegen junge Polen absolvierten – ausgerechnet in Auschwitz. Beide machten ihre Auschwitz-Erfahrung produktiv: Thalheim drehte den Film «Am Ende kommen Touristen», Kuckart schrieb den Roman «Lenas Liebe» (verfilmt unter dem Titel «Bittere Kirschen»).
Der neue Roman «Wünsche» beginnt mit einer Flucht: Die 46-jährige Vera klaut spontan im Schwimmbad einer fremden Frau die Tasche mit Geld und Ausweis – und verschwindet damit in ein neues Leben. Es ist Silvester, und sie flüchtet auch vor einem alljährlichen Ritual: Ihr Mann führt an diesem Abend immer einen alten Film vor, in dem sie als 13-jähriges Mädchen mitspielte.

Thalheim: Jedes Jahr an Silvester wird dieser Film geguckt, der einmal in diese Stadt hinein geleuchtet hat und für zwei Menschen viel bedeutet, die damals als Laiendarsteller mitgespielt haben und immer noch davon träumen. Vera, die immer noch denkt, sie hätte auch Schauspielerin werden können, dann aber doch in der Provinzstadt geblieben ist. Und Friedrich hat damals im Film mit ihr eine Liebesgeschichte gespielt, und nicht nur gespielt: Ihm ist diese Liebe nie abhanden gekommen. Der Film steht für diese Sehnsüchte und nicht eingelösten Versprechen.

Kuckart: Tatsächlich ist in meiner Heimatstadt Schwelm bei Wuppertal einmal ein Film gedreht worden, und ich hätte, damals war ich 13, total gern mitgespielt. Ich durfte aber nur zugucken und habe mich imaginiert in diese Mädchen, die da mitspielen durften.

T: Ja, das finde ich ganz toll, wie der Film festschreibt, was man einmal war und gleichzeitig, was man wünscht, was vielleicht gewesen wäre. Vera und Friedrich haben sich, wie’s im Drehbuch stand, geküsst, und es war für beide der erste Kuss. Aber dann haben beide etwas getan, was dann nicht im Drehbuch stand: Sie sind den Hügel runter gerollt, direkt in das Erwachsenwerden hinein.

K: Das stand nicht im Drehbuch, aber der Regisseur hat die Kamera weiter laufen lassen. Die spannenden Dinge passieren wahrscheinlich immer dann, wenn man Vereinbarungen nicht einhält. Und sich traut, doch noch weiter hinzugucken und die Momente auszuhalten, die nicht mehr in dem eigentlichen Projekt aufgehoben sind, sondern darüber hinausgehen. Das sind Momente, die auch wirklich an eine Schamgrenze gehen. Im Alter von zwölf schubst man sich ja, boxt und all so was. Und in dem Moment ist dieses Schubsen und Boxen plötzlich etwas ganz Anderes.

T: Ich musste an eine Szene aus meinem ersten Film «Netto» denken, wo ich mit Laiendarstellern gearbeitet habe. Im Drehbuch standen Dialogsätze, die sie nicht sagen konnten. Ich habe sie improvisieren lassen, und dabei sind Momente entstanden, die man sich nie hätte ausdenken können. Auch bei mir haben sie geküsst, und diese Aufregung danach – es ist spannend zu beobachten, wie sie im Nachhinein damit umgehen.

K: Wir haben ja alle irgendetwas, was wir nicht machen und was wir sehr gerne gemacht hätten. Wahrscheinlich scheint es in dem Buch durch, dass ich gerne Filme machen würde. Ich habe mich einmal beworben an der DFFB. Edgar Reitz machte ein Seminar zum Thema Heimat, und ich habe ein Drehbuch-Konzept eingereicht. Reitz hat zurückgeschrieben: «Sehr geehrtes Fräulein Kuckart, ich finde, Sie sollten schreiben.» Und ich war damals sehr beleidigt, denn ich wollte natürlich was anderes.

T: Du hättest selber auch gerne Filme gemacht. Aber wie hat dir konkret die Beschäftigung mit Film bei diesem Roman genutzt?

K: Ich versuche, Arbeitsweisen vom Film abzugucken fürs Schreiben. Weil ich es schön finde, wenn man sich ein Handwerk aus einem anderen Bereich ausleiht für die eigene Arbeit. Michael Ondaatje hat, im Gespräch mit dem Cutter Walter Murch, ein Buch geschrieben: «Die Kunst des Filmschnitts». Da habe ich viele Dinge entdeckt, über die Obertöne der Montage gelesen usw. Das war, als hätte mir jemand erklärt, wie ich im Ballett drei Drehungen machen kann, ohne umzufallen. Am Ende wusste ich gar nicht mehr, was ich schreiben sollte. Es hat doch nur geklappt in dem mir eigenen Rhythmus, der vielleicht auch ein Schnitt-Rhythmus ist.

T: Also man merkt, das ganze Buch atmet diese Beschäftigung mit dem Film. Im Roman benutzt du das Filmvokabular, um in die Charaktere hineinzuschauen. «Die Storyline meines Lebens war einfach schlecht bisher. Hätte sie sagen können. Die Höhepunkte lagen zu früh, der große Wendepunkt kam fast zu spät.» Bestimmt Filmdramaturgie die Struktur deines Romans?

K: Als «Lenas Liebe» verfilmt wurde, habe ich mit einer Videokamera ein Making-Of gedreht. Einfach, um ein Gefühl für diese Art von Wahrnehmung zu kriegen. Wie früh gehe ich in ein Bild rein, wann gehe ich wieder raus? Wie muss so eine Bewegung laufen, dass man der auch folgen kann? Da lernt man auch ganz viel fürs Schreiben. Bis wohin muss man etwas erzählen? Oder: Bis wohin geht dieses Bild und wann kommt da das andere Bild hinzu? Man muss ganz genau die Perspektiven setzen, die im Roman mehrfach wechseln. Jede Person erzählt einige Zeit lang und gibt dann die Erzählstaffel an eine andere Person weiter. All diese Perspektiven müssen bedient und die Geschichten weitererzählt werden.

T: «Wünsche» erzählt nicht nur die Geschichte von Vera und Friedrich, sondern Du entwirfst das Panorama einer kleinen Stadt in der Provinz. Der Roman spielt zwischen dem Marktplatz und der Autobahnauffahrt. Die Menschen kleben an diesem Ort, obwohl sie andere Träume haben. Kannst du ein bisschen darüber erzählen, wann du die Kleinstadt verlassen hast. Und mit welchen Träumen und Vorstellungen von einem anderen Leben?

K: An einem anderen Punkt im Leben als die Leute im Roman. Sie sind alle Mitte 40, ich bin weggegangen mit 19. Und hab ziemlich genau gewusst, dass ich Tanz machen will. Habe aber komischerweise so ein Gewicht mitgenommen, weil es in der Stadt viele Leute gab, die was Tolles hätten machen können, aber es nicht geschafft haben, wegzugehen. Ich habe immer gedacht: Ok, ich werde das versuchen. So zehn Jahre. Meine Mutter hatte schon meine Zukunft geplant. Sie meinte: «Naja, wenn alles gescheitert ist, spätestens mit 35, dann kommst du wieder zurück und übernimmst die Ballettschule von Frau Gastreich, weil die ist dann so alt, dass sie aufgeben wird.» Das kennen sicher viele Leute: «Du kannst dann ja auch wieder in dein altes Zimmer ziehen.» Mit dieser Hypothek bin ich erst nach Köln und dann nach Berlin gegangen.

T: «Wünsche» erzählt viel über diese Lebensentscheidung, die man irgendwann treffen muss. Oder eben nicht trifft. Vera steht an so einem wichtigen biografischen Knick. Wie geht es mit ihr weiter?

K: Vera nimmt diesen Ausweis, fährt nach Düsseldorf und guckt, welchen Flug sie noch bekommt. Das ist ein Flug nach London. Der geht um 18 Uhr und wegen der einen Stunde Zeitverschiebung ist sie um 18:10 Uhr in London. Dort angekommen, lässt sie sich treiben. Weil sie nicht weiß, wohin sie gehen soll, folgt sie einfach einer fremden Person und landet in einem Hotel in East End. Sie träumt immer noch davon, Schauspielerin zu werden, aber es ist natürlich nicht möglich, mit 46 irgendwo zum Casting hinzugehen und zu sagen: «Ich will hier als Schauspielerin vorsprechen.» Sie arbeitet in einem Krankenhaus, schließlich muss sie Geld verdienen. Aber die ganze Zeit spielt sie ja eigentlich, spielt sie Salome Schreiner, deren Identität sie angenommen hat.

T: Es ist ein Aufbruch in ein neues Leben. Sie kündigt es programmatisch an: «Es werden keine alten Filme mehr geschaut. Sondern ein neuer wird gedreht. Regie, Kamera, Hauptdarstellerin ich. Location London. Verwendbares Material: das Gefühl des Augenblicks.»



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