Cloud Atlas - Wachowski / Tykwer

Drei Regisseure haben sich zu einer kreativen Allianz zusammengeschlossen, um David Mitchells Weltbestseller «Der Wolkenatlas» zu verfilmen. Dieser Film wird Furore machen.

Dieser Film ist in seiner Art einmalig und ungewöhnlich: Ein Epos voller Dramatik, Action und Romantik, das die Grenzen von Zeiten, Generationen und Genres sprengt. Nach der Uraufführung in Toronto schwärmte Verena Lueken in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung»: «‹Cloud Atlas› ist lustig, spannend, hanebüchen, philosophisch, klamottig, außerweltlich und postapokalyptisch, ein irres Ding von einem Film, der zum Schauen, Hören und auch Lachen einlädt.»

Sechs Geschichten, die fünf Jahrhunderte umspannen, erzählt David Mitchell in seinem Roman «Der Wolkenatlas»:
1849: Ein amerikanischer Anwalt, auf der Heimreise von den Pazifischen Inseln, entdeckt in seiner Kajüte einen entflohenen Sklaven und gerät in die Fänge eines Arztes, der ihn vergiften will.
1936: Ein junger Komponist verdingt sich in Schottland bei einem alternden Genie, doch die Liason erweist sich als zerstörerisch.
1973: Eine investigative Journalistin in San Francisco deckt eine Intrige der Atom-Lobby auf und muss nun um ihr Leben fürchten.
2012: Ein Verleger, unerwartet zu einem Bestseller gekommen, landet auf der Flucht vor gewalttätigen Honorareintreibern in einem «Hotel», das sich als Gefängnis erweist.
2144: Ein weiblicher Klon entwickelt menschliches Bewusstsein und wird zur Anführerin einer Revolution gegen das totalitäre System.
2346: Ein Ziegenhirt, nach einem traumatischen Erlebnis zum Sonderling geworden, stellt sich in einer postapokalyptischen Welt gegen die Kräfte des Bösen und kämpft um das Überleben der Menschheit.

Die sechs Geschichten sind so ineinander verwoben, dass sie ein einziges Abenteuer bilden. In verschiedenen Genres (Tagebuch. Briefe, Kriminalroman, Drehbuch, Verhör) verdeutlichen sie, wie Ereignisse und Entscheidungen in einem Zeitalter auf unerwartete Weise in einem anderen nachhallen und so das Leben von anderen Menschen berühren und beeinflussen. Zugleich ist jede Figur Teil eines Ensembles, das mit unterschiedlichen Identitäten und in neuen Umständen und Situationen wiederkehrt. Konflikte, die in einem Zeitalter auftreten, werden Jahrzehnte später gelöst. Ungerechtigkeiten kehren mit oft überraschenden Konsequenzen zurück. Liebende finden über die Jahrhunderte hinweg zusammen.

Im Roman erzählt Mitchell die sechs Geschichten nacheinander, bricht nach einem dramaturgischen Höhepunkt in der Mitte ab, bringt in der Mitte die postapokalyptische Version in ganzer Länge und liefert in absteigender Chronologie jeweils den zweiten Teil nach.

«Wir wussten, dass diese Struktur bei einem Film nicht funktionieren würde», erklärt Lana Wachowski, «aber diese Struktur ließ uns über Möglichkeiten nachdenken, wie wir die Beschränkungen konventionellen filmischen Erzählens überwinden könnten.»

Mitchell schrieb jedes Kapitel in einem anderen Stil. Diese Konstruktion übernahmen die Filmemacher, legten eine Geschichte als Drama, die anderen als Romanze, als Kriminalthriller oder als futuristisches Science-Fiction-Abenteuer an.

Ihr Vorgehen mag anachronistisch erscheinen: Jede Szene und jede Figur aus dem Roman notierten die Filmemacher auf Karteikarten, legten diese sie auf den Boden und ordneten sie in Gruppen. Andy Wachowski: «Wenn man auf Hunderte dieser Karten starrt und der dramaturgische Mechanismus zerlegt ist, dann sieht man alle Figuren Seite an Seite. Auf ganz natürliche Weise wird man von Punkten angezogen, an denen diese Figuren ähnliche Entwicklungskurven haben, wo die Geschichte einer Figur weitergeführt wird oder gerade zu Ende gegangen ist.»


Das Konzept zielte auf eine stärkere Verflechtung der Handlungslinien, wobei der Fokus auf einzelne Geschichten in einem bestimmten Rhythmus wechselt. So steigert sich die Spannung jedes Mal, wenn die einzelnen Geschichten ihre wichtigen Wendepunkte erreichen.
Tom Tykwer: «Unser Ziel war es, eine übergeordnete Erzählebene entwickeln, um alles in eine fließende Geschichte mit eigener dramatischer Kraft einzubinden.»

Wie aber schafft man wirkungsvolle und aufschlussreiche Verbindungen zwischen den Zeitaltern?

Im Film verdeutlichen diese Wiedergeburt die Schauspieler. Jedes Mal, wenn ein bestimmter Schauspieler auftaucht, ob das nun 1849 oder 2346 passiert, stellt er im Grunde die gleiche Person dar, die im Lauf der Weltgeschichte einen neuen Platz einnimmt.

Das ermöglicht starke Déjà-vu-Momente: Wenn sich die Blicke von Figuren scheinbar zum ersten Mal treffen, können diese Figuren das Gefühl haben, sie wären sich schon früher begegnet.

Tom Tykwer erklärt das Konzept: «Als wir die Verbindungen zwischen den Figuren durch die verschiedenen Zeiten hindurch konstruierten und auch das Phänomen diskutierten, dass manchmal der Eindruck entsteht, eine Figur beendet, was eine andere Hunderte Jahre zuvor begonnen hatte, fragten wir uns: Warum könnte nicht ein und derselbe Schauspieler diese Figuren darstellen? Warum besetzen wir den Film nicht so, dass die Schauspieler nicht eine einzelne Rolle, sondern verschiedene Rollen verkörpern, die in ihrer Gesamtheit die Entwicklung dieses einen Menschen verdeutlichen?»

Dabei werden die Hauptdarsteller Tom Hanks und Halle Berry von einem Ensemble internationaler Stars unterstützt: Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Ben Whishaw, James D’Arcy, Susan Sarandon und Hugh Grant. Während sich die Geschichte zwischen verschiedenen Zeiten bewegt, wechselt der Fokus von einer Gruppe zentraler Darsteller zu einer anderen. Wiederkehrende Ensemblemitglieder tauchen in entscheidenden Momenten auf oder machen sich auf subtile Weise bemerkbar.

Nachdem diese dramatische Struktur ausgearbeitet war, ergaben sich neue erzählerische Möglichkeiten. Lana Wachowski: «Wir begannen uns zu fragen, wie es wohl wäre, wenn der Bösewicht eines Zeitalters zum Helden eines anderen wird und dabei vom gleichen Schauspieler dargestellt werden würde. Und sobald wir diese Verbindung hergestellt hatten, stellte sich die Frage: Wie gelingt einem Bösewicht diese Veränderung?»

Die Schauspieler tauchen in den Zeitebenen des Films als unterschiedliche Personen auf, sie sind in verschiedenen Altersperioden und Schauplätzen zu sehen, häufig sogar mit unterschiedlichen Ethnien und Geschlechtern. «Ursprünglich sollte ich zwei Figuren darstellen», erinnert sich Halle Berry. «Dann wurde ich informiert, dass ich zwei weitere Rollen spielen sollte. Bald fand ich heraus, dass es sich bei einer um einen Mann, bei einer anderen um eine blonde Deutsch-Jüdin handelte ...»

Das Bild des Geburtsmals verloren die Filmemacher nicht aus den Augen. Statt es als Zeichen des Übergangs einzusetzen, benutzten sie es, um eine Person zu markieren, die einen bestimmten Grad der Erkenntnis erreicht hatte und vor einer wichtigen, schwierigen Entscheidung stand, die ihr eigenes Leben oder das von anderen nachhaltig verändern würde.

Wie sieht David Mitchell die Verfilmung seines Romans, der bisher als unverfilmbar galt? «Ich freue mich darüber und bin in gewisser Weise auch neidisch, wie die Filmemacher mein Buch so zerlegt und wieder zusammengesetzt haben, damit sie die Stärken ihres Mediums ausschöpfen konnten. Ich fühle mich, als hätte ich ihnen Stammzellen zur Verfügung gestellt, aus denen sie dann ihre eigene Schöpfung erschaffen haben.»
Cloud Atlas - Wachowski / Tykwer

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