Bloch - Drehbuch Marco Wiersch

Die Seele ist groß, weiß Dr. Maximilian Bloch, der von Dieter Pfaff verkörperte Psychotherapeut. Bloch ist Spezialist für Affekte und Defekte aller Art, nicht nur der anderen; sein liebster Patient, das ist manchmal er selbst, durchschaut er seine eigenen Macken doch am allerbesten. «Alle Väter sind paranoid, wenn es um ihre Töchter geht», speziell wenn sie plötzlich heiraten wollen. Und so ist Bloch nicht nur misstrauisch gegen den jungen Mann, in den seine Leonie sich verliebt hat, sondern auch gegen sich selbst.

«Was tun Sie gegen Ihre Ängste?» fragt der nette, in Wahrheit psychisch kranke Schweigersohn in spe. Bloch: «Ich esse.» Man sieht es ihm an, und er weiß es. So lebensklug und selbstironisch ist keine andere Figur im deutschen Fernsehen.

«Der Freund meiner Tochter» hieß die erste Folge der Reihe, die nicht mehr von Peter Märthesheimer geschrieben wurde. «Bloch» war das letzte große Fernsehformat, das der kreative Dramaturg und Drehbuchautor (der für Fassbinder «Die Ehe der Maria Braun» schrieb) erfand. Nach seinem Tod das ungewöhnliche Format fortzuführen mit jungen Autoren, war ein Risiko. Marco Wiersch übernahm diese Aufgabe, und der Film überzeugte auch die Skeptiker. «Kompliment an den Drehbuchautor, der Märthesheimers Arbeit mit Bravour fortgesetzt hat», schrieb die FAZ.

Bloch ist keine internationale Koryphäe, sondern ein geerdeter Erforscher der menschlichen Seele. Ein Mann, der über Empathie verfügt, ein offenes Ohr für Phobien und Manien, Ängste und Depressionen hat, mit unkonventionellen, zuweilen befremdlichen Methoden die Ursachen psychischer Störungen ergründet. Und eine kantige Figur: ruppig, launisch und mit schlechten Manieren, aber einer guten Portion Humor.

«Bloch dreht den Leuten die Worte im Mund herum, erfindet versponnene Sprachbilder», erklärt Marco Wiersch. «Diese Art der Dialoge, die nicht ganz dem realen Leben entspricht, aber etwas sehr Unterhaltsames hat, mag ich an dieser Figur.» Wiersch wurde rasch zum Stammautor der Reihe, wobei er es besonders schätzt, dass er als Autor bei «Bloch» nicht in ein enges Reihenkonzept gezwängt ist.

«So sehen die Fälle alle sehr verschieden aus – manche haben ein stark kriminalistisches Element, andere gar nicht. Manche sind sehr wortlastig, andere verlassen sich eher auf die Bildsprache. Auch in der Führung der privaten Geschichten von Bloch gibt es diese Freiheit.»

«Der Mann im Smoking» hat sein Gedächtnis verloren – der Therapeut muss ihm helfen, seine Identität wiederzufinden, die er «vergessen» hat. Die Psyche wird mit etwas nicht fertig. Es handelt sich um eine spezielle Form von Amnesie, um «dissoziative Fugue» – Wiersch ist gelernter Psychologe, er braucht keinen Fachberater. Bloch sucht den Grund, warum «Albert», wie die Ärzte ihn nennen, sich nicht erinnern kann, er bahnt sich einen Tunnel in Alberts Unterbewusstsein, Teile brechen hervor, Träume und Erinnerungsbilder, die auf eine schreckliche Wahrheit deuten.

«Ich finde es spannend, Geschichten auf Grundlage der realen psychologischen Gegebenheiten zu finden», sagt Wiersch, weiß aber, dass man im Fernsehen nicht Fallstudien über Traumatisierte und Frustrierte ausbreiten kann. «Ein Drehbuch kann sich aus Elementen bedienen, die alle so in der Realität vorkommen, muss sie aber auf besondere Weise zusammenfügen.» Und dramaturgisch zuspitzen – «eine überzeugende Story, kluge Dialoge und echte Thrillerspannung», lobte die Kritik an «Der Mann im Smoking» und zog den Schluss: «Hier wird Psychologie zum Krimi.» Tatsächlich bedient sich Bloch, um den hartnäckig verborgenen seelischen Geheimnissen auf die Spur zu kommen, geradezu kriminalistischer Methoden (und nicht selten mündet die Geschichte in einem Kriminalfall).

Zwei Folgen demonstrieren exemplarisch, dass aktuelle Themen in ungewöhnlicher Form in «Bloch» abgehandelt werden können. Mit «Der Kinderfreund» (das Drehbuch schrieb Wiersch mit Kilian Riedhof, der auch Regie führte) wagte man sich an ein besonders heikles Thema: Pädophilie. «Der Film klagt niemanden an – und entschuldigt nichts», urteilte die FAZ. «Er betrachtet ohne Mitleid, aber auch ohne Abscheu einen Mann, der sich bewusst wird, dass er für bestimmte Mitmenschen zur Gefahr werden kann, der aber seinen Weg aus dieser Gefährlichkeit findet.» – Ein traumatisierter Afghanistan-Heimkehrer stellt eine tickende Zeitbombe dar, weil er den «Tod eines Freundes», der beim Einsatz aus dem Hinterhalt erschossen wurde, nicht verarbeitet hat. Bloch muss sich auch noch um die Familie kümmern, dabei würde er doch viel lieber sein eigenes Burnout-Syndom auf der Couch pflegen.

«Die Seele wiegt ein und ein halbes Kilo», dies ist eine typische Bloch-Erkenntnis. «Ich brauche meinen Speck, sonst ist mir kalt – kalt an der Seele.» In «Bauchgefühl» hat ausgerechnet Bloch, kaum ein Leitbild in Ernährungsfragen, eine Magersüchtige zu therapieren. Jana, Anfang 20, knochendünn, arbeitet mit allen Tricks, um die Nahrungsaufnahme zu verweigern, aber Bloch lässt sich nicht täuschen. Und er kann brutal sein: «Gleich sterben ist einfacher», sagt er ihr ins Gesicht. Es ist, wie meist in dieser Reihe, ein subtiler Zweikampf zwischen Bloch und Patient. Bloch gewinnt – am Schluss isst Jana wieder –, aber nicht in eigener Sache: Sich selbst und seinen Appetit in den Griff zu bekommen, das schafft er nicht.

Bereits abgedreht ist «Der Heiland» (Arbeitstitel), nun schon die sechste Episode, die Marco Wiersch für «Bloch» geschrieben hat. Wie stets hervorragend besetzt: Matthias Habich spielt einen religiösen Eiferer. Regie führt Franziska Meletzky, die bereits «Bauchgefühl» inszenierte. Neu und ungewöhnlich ist jedoch die Technik: Erstmals wird komplett digital mit der «Red-One» gedreht: Der Film wird bandlos als Stream aufgenommen und anschließend digital direkt am Server geschnitten und bearbeitet. Neben der innovativen Kameratechnik außerdem bemerkenswert: Da man in der luftigen Höhe des Kölner Doms nicht drehen konnte, hat man die Domspitze – sechs Meter hoch, mit allen Musterungen und Schattierungen – im Studio maßstabgetreu nachgebaut.

Der Film beginnt jedoch auf der (realen) Domplatte. Martin, ein religiöser Fanatiker, steht mit einem großen Holzkreuz als Erweckungsprediger vor dem Kölner Dom. Eine junge Frau auf dem Fahrrad, die zufällig vorbeifährt, sackt mit einem Herzinfarkt zusammen – Martin eilt zu ihr, sie schlägt die Augen wieder auf. Ein Wunder ist geschehen, und fortan hält Martin sich für den Heiland höchstpersönlich. Seine «ungläubige» Tochter bittet Bloch, selbst ein eingefleischter Atheist, um Hilfe. Martin ist, weiß Gott, kein leichter Patient. Aber Cornelius, Blochs Mentor von einst, hat dessen spezielle Fähigkeiten treffend erkannt: «Niemand sonst kann Patienten so nerven, dass sie freiwillig gesund werden.»

Bilder: © WDR / Frank Dicks
Bloch - Drehbuch Marco Wiersch

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